ATHOS – ein neues Zentrum für Amateurastronomie auf La Palma

Es gibt sie noch, diese seltenen Orte, deren Schönheit sich nicht nur bei Tageslicht offenbart, sondern auch bei Dunkelheit, wenn sich oberhalb des Horizonts die andere Hälfte der Welt offenbart. An einem dieser Orte bin ich zur Zeit – und er ist nicht einmal eine Weltreise entfernt.

Sternegucken mit 20"-Dobson, kanarischem Tophimmel, Blick auf den Atlantik und netter Gesellschaft.
Sternegucken mit 20″-Dobson, kanarischem Tophimmel, Blick auf den Atlantik und netter Gesellschaft. Die einzige nennenswerte Himmelsaufhellung stammt vom Airglow.

Vom „Projekt ATHOS“ auf La Palma habe ich per Zufall erfahren, obwohl mir die Kanareninsel seit einigen Jahren gut bekannt ist. Auf der Astronomiemesse in Schwenningen lernte ich die Macher des Projekts, den Astrofotografen Kai von Schauroth und Liane Acs kennen, die mich spontan einluden, ihre „Astrofinca“ noch vor der Eröffnung in Augenschein zu nehmen. Da mich mein Weg ohnehin wieder nach La Palma führen sollte, sagte ich zu.

Obwohl La Palma als astrotouristisches Ziel nicht gerade unbekannt ist (das Prädikat „bester Himmel Europas“ trägt die Insel meiner Meinung nach zu Recht) fehlte ein Angebot vom Typ „Astrofarm“ bislang: Ein Areal mit Ferienhäusern, ergänzt durch Beobachtungsplätze, kombiniert mit einem umfangreichen Angebot astronomischer Instrumente zur Miete sowohl für Gäste der Finca als auch Besucher, die an anderen Orten der Insel wohnen, gekrönt durch eine voll ausgestattete Sternwarte.

DEr Blick von Süden auf die Fince "El Vuelo del Halcon" in Las Tricias im Nordwesten von La Palma. Rechts im Bild die Sternwarte mit 2,6-Meter-Kuppel.
Der Blick von Süden auf die Finca „El Vuelo del Halcon“ in Las Tricias im Nordwesten von La Palma. Rechts im Bild die gerade fertig gestellte Sternwarte mit 2,6-Meter-Kuppel.

Das ATHOS-Projekt auf der Finca „El Vuelo del Halcon“ will diese Lücke schließen, und wie ich als „Testgast“ das so beurteile, wird sie das auch mit Erfolg tun. Noch ist nicht alles fertig – die Gemeinschafträume sind beispielsweise noch im Aufbau, die Außenbeleuchtung muss noch astronomenfreundlich umgebaut werden. Der Hauptdarsteller, der dunkle Himmel über La Palma, präsentiert sich aber schon von seiner besten Seite.

Montage der Kuppel mit palmerischem Kran und viel Fingerspitzengefühl.
Montage der Sternwarte Anfang November 2016 mit palmerischem Kran und viel Fingerspitzengefühl.

Die Lage der Finca im Nordwesten der Insel, auf einer Meereshöhe von 900 Metern, sorgt dafür, dass einerseits die Wolken des Nordostpassats in der Regel um die Finca herum gelenkt werden (der Roque de los Muchachos liegt im Nordosten), andererseits der Wind abgeblockt wird. Über die in unmittelbarer Nähe zum Roque führende Straße LP-1 kommt man außerdem in weniger als einer Stunde auf den höchsten Punkt der Insel auf 2400 Meter und zu den professionellen Observatorien.

Auf La Palma ist ja bekanntlich nichts eben, und so liegt auch das Areal der Finca in einem Berghang. Der Blick nach Osten ist etwas eingeschränkt. Nach Süden sieht man hingegen gut und nach Westen kann man bis weit auf den atlantischen Ozean blicken.

Die ATHOS-Sternwarte beherbergt ein C-14, einen 175 EDF Starfire-Refraktor von Astrophysics und einen TEC 110-Refraktor auf einer 10Micron GM3000 HPS-Montierung.
Die 2,6-Meter-Kuppel schwebt ein…

So waren auch die vergangenen Nächte fast windstill und mit Temperaturen zwischen 12 und 15 Grad angenehm temperiert. Regen gab es allerdings auch, und nicht zu knapp: Die Schauer beschränkten sich aber meist auf den Tag. Mehrfach riss der Himmel mit Ende der Dämmerung komplett auf. Dann sah man die kanarischen Regenwolken, die sich noch über der Küste hielten, bestenfalls von oben.

 Die ATHOS-Sternwarte beherbergt ein C-14, einen 175 EDF Starfire-Refraktor von Astrophysics und einen TEC 110-Refraktor auf einer 10Micron GM3000 HPS-Montierung.
Die ATHOS-Sternwarte beherbergt ein C-14, einen 175mm EDF StarFire-Refraktor von Astrophysics und einen TEC 110-Refraktor auf einer 10Micron GM3000 HPS-Montierung.

Die Nacht von Samstag auf Sonntag war die beste: Die SQM-Werte erreichten 21,5 und 21.6 mag pro Quadratbogensekunde. Etwas anschaulicher lässt sich das so beschreiben: Zodiakalband durchgehend, Gegenschein auffällig, Dreiecksgalaxie M33 mit bloßem Auge klar erkennbar, Nordamerikanebel, Cirrusnebel und Meropenebel in den Plejaden ohne Schwierigkeiten im 10×50-Fernglas.

Im 20-Zoll-Dobson wirkte M33 wie ein Satellitenfoto eines Hurricans über Florida – so detailreich strukturiert erkennt man seine Spiralarme und Nebelgebiete. Sowohl der Anblick von M33 als auch des Pferdekopfnebels (natürlich mit H-beta-Filter) gehören zu meinen persönlichen Favoriten. Ich erinnere mich nicht, beide Objekte je besser gesehen zu haben.

Zu den Mietgeräten für die visuelle Beobachtung zählen ein 25", ein 20" sowie zwei 16"-Dobsonteleskope.
Zu den Mietgeräten für die visuelle Beobachtung zählen ein 25″, ein 20″ sowie zwei 16″-Dobsonteleskope.

Da die Gegend um die Finca nur dünn besiedelt ist, gibt es kaum störendes Streulicht. Die auf La Palma ohnehin astronomenfreundliche Außenbeleuchtung tut ihr Übriges. So beeinträchtigen die Lichter der tiefer liegenden Ortschaft Puntagorda dank guter Abschirmung und dezenter Beleuchtungsstärken die Beobachtungen auf der Finca nicht, die Lampen des näheren Las Tricias werden nach Mitternacht sogar abgeschaltet. Vom Licht der größten Ortschaft Los Llanos sieht man allenfalls indirekt etwas, wenn hohe Wolken den Himmel zieren. Am ehesten stören noch die wenigen Autos, die mit Fernlicht auf der (zu später Stunde kaum mehr frequentierten) LP-1 fahren.

Richtung Süden lassen sich unter diesem transparenten Himmel noch Objekte bei Deklinationswerten von 50° Süd sinnvoll beobachten, was den Bereich des zugänglichen Himmels im Vergleich zu Mitteleuropa erheblich erweitert. Andere, auch in Deutschland sichtbare Objekte kulminieren höher – der Orionnebel M42 etwa in rund 55°.

Mond über Atlantik
Mond über Atlantik

Wie die Wetterstatistik über das ganze Jahr aussieht, kann ich aufgrund der wenigen Nächte natürlich nicht beurteilen. Auf La Palma entscheidet oft ein Kilometer über Wolken oder klare Sicht. Laut Kai von Schauroth gehört die Ortschaft Las Tricias nahe der Finca zu einer der sonnenreichsten Gegenden der Insel. 123 wolkenfreie Nächte am Stück im Sommer 2016 sprechen eine deutliche Sprache. Und obwohl der November zur regenreichsten Zeit des Jahres zählt, habe ich nach anderthalb Wochen mehr Sternenstunden gesammelt als in Deutschland oft in einem halben Jahr.

Die Kombination aus Lage und astronomischem Angebot (die Auswahl an Mietinstrumenten ist in Umfang und Qualität beeindruckend und die geforderten Preise im positiven Sinne auch) macht das Projekt ATHOS zu einer interessanten Idee für den nächsten Astrourlaub. Beispielsweise kostet die Miete des günstigsten 16-Zoll-Dobsons (ohne Okulare und weiteres Zubehör) für eine Woche weniger als 150 Euro. Dafür spart man sich die Schlepperei des eigenen (womöglich kleineren) Teleskops und auch unangenehme Erfahrungen am Flughafen, wie ich sie einmal machen musste.

Ein Blick auf die Webseiten des Projekts sei also wärmstens empfohlen. Am 1. Dezember 2016 öffnet das Projekt ATHOS auf La Palma offiziell seine Pforten.

Offenlegung: Während meines Aufenthalts konnte ich die Installationen der Finca kostenlos nutzen.

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