Bloß nicht die Sommerzeit!

Daran gedacht? Am Sonntagmorgen wurden die Uhren wieder eine Stunde zurückgestellt. Wenn es nach der EU-Kommission geht, könnte mit dem leidigen Uhrenumstellen bald endgültig Schluss sein. Doch keine gute Nachricht ohne die schlechte: Nicht wenige EU-Bürger würden gerne zukünftig dauerhaft auf “Sommerzeit” umstellen. Bitte nicht! Es gibt ein einfaches astronomisches Argument gegen diese Idee.

pixel2013 / pixabay.com
pixel2013 / pixabay.com

Jetzt die ewige Winterzeit” lautete ein Artikel auf faz.net vom vergangenen Wochenende. Für mich hat diese Überschrift einen negativen Unterton: “Ewige Winterzeit” klingt nach Dunkelheit, Kälte, Mistwetter. Wer will das schon? “Sommerzeit” hingegen – das sind lange Abende draußen im Park, Wärme, Eis essen.

Hier eine fast vergessene Tatsache, die man sich ins Gedächtnis zurückrufen sollte: There is no such thing as Winterzeit. Es gibt die Zeit, bei uns heißt sie “mitteleuropäische Zeit”, MEZ. Und seit einigen Jahrzehnten eine so genannte Sommerzeit, bei der die Uhren zwischen Ende März und Ende Oktober um eine Stunde vorgestellt werden. Ursprünglich wohl, damit der Konsument das Licht der langen Sommertage besser nutzt und Energie spart. Allerdings hat sich nie ein nennenswerter Energiespareffekt der Sommerzeit gezeigt. Man macht es halt, weil man es macht.

Eine “Winterzeit” aber gibt es (außer als Jahreszeit) nicht. Hat es nie gegeben.

Im Englischen heißt es sinnigerweise “daylight saving time”. Das ist neutraler und deutet den ursprünglichen Zweck der Zeitumstellung an. Im deutschen Sprachraum haben wir uns hingegen an “Sommer-” und “Winterzeit” auch sprachlich gewöhnt, mitsamt allen zugehörigen positiven und negativen Assoziationen.

Beschäftigt man sich sachlich mit dem Thema, bleiben für die “ewige Sommerzeit” kaum Argumente. Denn bevor der Tag in Stunden gestückelt wurde, gab es nur einen Zeitgeber: die Sonne. Der Mensch ist von Natur aus nach dem Sonnenlauf getaktet, und so soll unsere Uhrzeit diesen natürlichen Rhythmus widerspiegeln: Morgen ist, wenn die Sonne aufgeht, Mittag, wenn sie am höchsten steht und so weiter. Das passt mit der Normalzeit MEZ in Mitteleuropa ganz gut.

Sonnenstand um 07:00 MEZ (links) und 07:00 "Sommerzeit" MESZ (rechts) am 21. Juni. In beiden Fällen ist die Sonne bereits aufgegangen, Um 07:00 MEZ steht sie bereits etwas höher. Erstellt mit Stellarium
Sonnenstand um 07:00 MEZ (links) und 07:00 “Sommerzeit” MESZ (rechts) am 21. Juni. In beiden Fällen ist die Sonne bereits aufgegangen, Um 07:00 MEZ steht sie schon etwas höher. Erstellt mit Stellarium.

Wenn während der “Sommerzeit” die Uhren um eine Stunde vorgestellt werden, bleibt es abends länger hell. Es bleibt aber auch morgens länger dunkel. Der Sonne ist es nämlich egal, wie wir unsere Uhren stellen. Ein Beispiel: Am 21. Juni, dem Sommerbeginn, geht die Sonne in der Mitte Deutschlands(*) um 04:10 MEZ auf und um 20:32 MEZ unter. Oder eben um 05:10 bzw. 21:32 “Sommerzeit” (MESZ). Der helle Tag ist gleich lang, er fängt für uns nur später an.

Im Sommer ist das kein Problem, denn der helle Tag ist lang genug. Wenn um 07:00 Uhr der Wecker klingelt, ist es schon hell, egal ob der Wecker auf “Sommer-” oder “Winterzeit” läuft. Im Winter aber sieht das anders aus. Und das ist das Problem mit einer “ewigen Sommerzeit”.

Sonnenstand um 07:00 MEZ (links) und 07:00 "Sommerzeit" MESZ (rechts) am 21. Dezember. In beiden Fällen ist die Sonne noch nicht aufgegangen. Um 07:00 MEsZ vergehen jedoch noch über zwei Stunden bis zum Sonnenaufgang! Erstellt mit Stellarium
Sonnenstand um 07:00 MEZ (links) und 07:00 “Sommerzeit” MESZ (rechts) am 21. Dezember 2018. In beiden Fällen ist die Sonne noch nicht aufgegangen. Um 07:00 MESZ dauert es noch über zwei Stunden bis zum Sonnenaufgang. Erstellt mit Stellarium.

Am 21. Dezember, dem Winterbeginn, steht die Sonne um 07:00 Uhr noch unter dem Horizont. Und zwar sowohl um 07:00 MEZ als auch um 07:00 “Sommerzeit” MESZ. Die Sonne geht an diesem Tag nämlich erst um 08:15 MEZ auf. Oder um 09:15 “Sommerzeit”. Im Falle einer “ewigen Sommerzeit” heißt es im Winter also nicht Morgens aufstehen, sondern in der Nacht. Bis zum Sonnenaufgang dauert es um 07:00 MESZ noch über zwei Stunden! Nicht gerade das, was man sich unter Sommerzeit vorstellt, oder?

07:00 Uhr ist eine übliche Aufstehzeit für viele Werktätige, Schulkinder, etc. Nicht wenige müssen noch viel früher raus. Es ist hinreichend untersucht und erwiesen, dass Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit bei vielen Menschen leidet, wenn sie zu früh aufstehen müssen. Zwei (oder mehr) Stunden vor Sonnenaufgang ist in den allermeisten Fällen viel zu früh.

Das ganze wird noch extremer, wenn wir einen Blick über die Landesgrenzen werfen. In Deutschland entspricht die MEZ noch recht gut der wahren Sonnenzeit. Das sieht weiter östlich und westlich anders aus. Das ist ein Thema für einen anderen Blogartikel.

Fazit: Es lohnt sich, jenseits von Emotionen (Sommer gut/Winter blöd) die Fakten anzuschauen: Wer die “ewige Sommerzeit” will, muss bereits sein, im Winter lange vor Sonnenaufgang aufzustehen (und/oder dies von seinen Mitmenschen erwarten). Will man das nicht, dann bleibt als Alternative zur zweimaligen Zeitumstellung im Jahr nur die gute alte mitteleuropäische Zeit, a.k.a. “Winterzeit”.

Im oben genannten FAZ-Artikel geht es übrigens um die Erfahrungen, die Russland mit diesem Thema gemacht hat. Ein Argument war dort, dass es bei “ewiger Winterzeit” abends nicht lange genug hell sei, um nach der Arbeit mit den Kindern im Park zu spielen. Doch wenn nach der Arbeit keine Zeit mehr für die Familie bleibt, sehe ich weniger die Sonne in der Schuld. Vielleicht ist einfach der Arbeitstag zu lang.

(*) Die Zeiten sind für 50° Nord und 10° Ost gerechnet und verschieben sich um mehrere Minuten, je nachdem wie weit entfernt man sich von diesem Referenzort befindet.

4 thoughts on “Bloß nicht die Sommerzeit!

  1. Thomas Schiffer 2018-10-28 / 18:41

    Hallo Jan,
    eine gute Recherche zum Thema mit etwas Hoffnung auf die Vernunft der Menschen
    und bedachter Entscheidung in Berlin. Aber in der Realität werden die Lobbyisten entscheiden,
    womit genug Profit zu erreichen ist. Lassen wir uns überraschen!
    Vielen dank für den klärenden Artikel und CS, Thomas

  2. janhattenbach 2018-10-28 / 19:15

    Hallo Thomas,
    wenn ich mir die Reaktionen bisher auf meinen Blogeintrag anschaue (nicht in den Kommentaren, wie man merkt, dafür aber auf Twitter), dann sind die Sommerzeitbefürworter in der Überzahl. Tenor: was interessierts mich, wanns morgens hell wird, da bin ich eh auf Arbeit.
    CS,
    Jan

  3. Dieter Kreuer 2018-10-30 / 14:40

    Ganz ehrlich – wenn die Alternative zur Umschaltung zwischen Sommer- und Nichtsommerzeit ist, dass es im September um 19:00 Uhr schon dunkel ist, dann bleibe ich lieber bei der Umschaltung… ich bin Hobby-Astronom, laufe aber auch gerne nach der Arbeit. Und überhaupt wär’s schade, die Extra-Stunde Licht der Arbeitszeit zu opfern.

    Ich kann aber nachvollziehen, dass es für Schulkinder besser wäre, wenn es im Winter noch hell wäre, wenn sie sich auf den Weg machen. Vielleicht sollte die Schule generell eine Stunde später anfangen. Dann wär’s auch nicht mehr so voll auf der Straße. Gut, die Hubschraubereltern, die vor der Arbeit die Kinder bis in die Klasse fahren, bekämen dann Probleme mit dem Chef.

    Man kann’s nicht allen recht machen. Möge die Mehrheit entscheiden.

  4. Karl-Hinz van Heek 2018-10-31 / 15:29

    Hallo Jan,
    du hast alles auf den Punkt gebracht und ich selber habe mich während all dieser Diskussionen am meisten über den Begriff “Winterzeit” aufgeregt!
    Wie man ja nun sehen kann schieben unsere Politiker das Thema wieder einmal auf die lange Bank, warum? Ja nun, ich denke es geht wie immer nur ums Geld…. ob Menschen und Tiere durch die Zeitumstellung leiden oder gar Krank werden und mehr Unfälle wegen Übermüdung entstehen, das insteressiert keinen!
    Danke für Deinen tollen Bericht zu diesem Thema
    beste Grüße
    Kalle

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