C/2019 Y4 ATLAS – Ein heller Maikomet?

Endlich mal eine gute Nachricht, oder für die Corona-Fatalisten: kein Weltuntergang ohne Komet. Der letzte im Jahr 2019 entdeckte Schweifstern C/2019 Y4 ATLAS könnte zum hellen “Maikomet” werden – also kurzzeitig so hell, dass man ihn mit etwas Glück mit bloßem Auge, zumindest aber mit einem Fernglas sehen können sollte. Es wäre eine sehnsüchtig erwartete Abwechslung von der seit Jahren anhaltenden Kometen-Durststrecke.

Nachtrag: 15.04.: Hier ein neues Bild von Komet Y4 ATLAS vom 13.4., 23 UT. Ganz so schlecht sieht der Komet nicht aus, möglicherweise sind die Kernbruchstücke in der Lage, eine neue Koma auszubilden. Die Koma hat derzeit eine Helligkeit von ca. 9mag und ist 5′ groß. Auf der stark bearbeiteten Version rechts kann man den Schweif bis in 20′ Abstand zur inneren Koma verfolgen.

C/2019 Y4 ATLAS am Abend des 13. 4. 2020.
C/2019 Y4 ATLAS am Abend des 13. 4. 2020.

Nachtrag, 9.4.: Es sieht mittlerweile nicht mehr gut aus, der Kometenkern ist womöglich zerbrochen! Mehr dazu hier!

Nachtrag: Meine erste Sichtung (mit Foto) vom 17. März 2020!

Komet C/2019 Y4 ATLAS am Abend des 24. März. Aufnahme mit einem 70/420mm Ed-Refraktor und einer Canon EOS 6D, 120s auf 6400 ISO
Komet C/2019 Y4 ATLAS (mit Schweifansatz) am Abend des 24. März. Aufnahme mit einem 70/420mm ED-Refraktor und einer Canon EOS 6D DSLR, Belichtung 120s auf 6400 ISO
Himmelsbahn von Komet C/2019 Y3 (ATLAS) vom 12. März bis Anfang Juni 2020. Die Himmelspositionen bei Erdnähe (rot) und Perihel (blau) sind markiert.
Himmelsbahn von Komet C/2019 Y3 (ATLAS) vom 12. März bis Anfang Juni 2020. Die Himmelspositionen bei Erdnähe (rot) und Perihel (blau) sind markiert.

C/2019 Y4 wurde am 28. Dezember 2019 vom Asteroid Terrestrial-impact Last Alert System, kurz ATLAS, auf Hawaii entdeckt. Damals war er mit einer scheinbaren Helligkeit von 19,6mag für Amateurfernrohre noch unsichtbar. Seine bald darauf ermittelte Bahn ist verdächtig ähnlich zu der eines hellen Kometen, der im Jahr 1844 erschienen war. Vermutlich handelt es sich bei diesen beiden um Fragmente eines einstmals großeren Objekts.

Die Umlaufzeit von C/2019 Y4 beträgt rund 5400 Jahre. Er stammt damit aus dem äußeren Sonnensystem. Solche Kometen enthalten oft noch viel volatiles Eis und sind daher für helle Himmelserscheinungen gut, wobei C/2019 Y4 wohl eher nicht mehr ganz frisch ist, da er eben ein Bruchstück sein dürfte.

Erdnähe und Perihel Ende Mai

Am 31. Mai 2020 wird C/2019 Y4 den sonnennächsten Punkt seiner hochelliptischen Bahn, das Perihel, erreichen. Mit rund 39,2 Millionen Kilometern Abstand (0,262) AE) kommt er dann der Sonne näher als Merkur: Ebenfalls gut für eine helle Kometenerscheinung. Wenige Tage vorher, am 24. Mai, kommt er der Erde bis auf  117 Millionen Kilometer nah (0,781 AE). Das ist auch recht eng, weniger als bspw. der Komet Hale-Bopp 1997 (1,3 AE).

Alle Zutaten sprechen also für einen hellen Kometen? Nicht ganz. Ausgerechnet wenn er seine größte Helligkeit erreicht, steht Y4 ATLAS aus Sicht der Erde so dicht neben der Sonne, dass er praktisch nur am hellen Himmel zu sehen ist. Die beste Beobachtungszeit wird daher die erste Maihälfte bis kurz vor der Erdnähe sein, wenn sich der Komet gerade noch am dunklen Morgenhimmel aufhält.

Die folgenden beiden Bilder zeigen die Situation am 23./24. Mai, dem Tag der Erdnähe: Der Komet ist abends in der Dämmerung tief im Nordwesten zusehen. Er geht bald unter und taucht fast die gesamte Nacht unter den Nordhorizont, um am Morgen bei Dämmerungsbeginn wieder im Nordosten zu erscheinen.

Position von C/2019 Y4 am Abend des 23. Mai. Erstellt mit Stellarium
Position von C/2019 Y4 am Abend des 23. Mai. Uhrzeit in UT. Erstellt mit Stellarium
Position von C/2019 Y4 am Morgen des 24. Mai. Erstellt mit Stellarium
Position von C/2019 Y4 am Morgen des 24. Mai. Uhrzeit in UT. Erstellt mit Stellarium

Wie hell wird er werden? Das ist bekanntlich die Frage aller Fragen bei Kometen, und auch eine, auf die es keine definitive Antwort gibt: Es hängt eben davon ab, wie stark der Komet flüchtige Substanzen, also Gas und Staub ausspuckt. Eine konservative Abschätzung geht von etwa 3-4 mag zum Perihelzeitpunkt aus, und von 5-6 mag zum Ende der oben genannten Beobachtungsperiode. Damit würde Y4 ATLAS zu einem Fernglaskometen, der gerade nicht hell genug ist fürs bloße Auge.

Hell wie der Vollmond?

Es geistern aber neuerdings auch spektakuläre Prognosen durchs Netz, die von Vollmondhelligkeit (-12mag) oder zumindest -8 mag beim Perihel sprechen. Das würde den Maikometen zu einem Tageshimmelobjekt machen! Ich würde aber, auch wenn es nicht gerade dem Zeitgeist entspricht, die Ruhe bewahren und nicht in Kometen-Hysterie verfallen.

Die spektakulären Prognosen haben einen Auslöser: Im Januar und Februar machte Y4 ATLAS einen enormen und unerwarteten Helligkeitssprung von +17 auf +12 mag, das sind fünf Größenklassen oder ein Faktor 100 in Helligkeit in wenigen Wochen. Bis Anfang März erreichte er sogar +10mag; damit ist er nun bereits mit moderatem Amateurequipment sicht- und fotografierbar.

Dass der Komet heller wird, ist normal, er näher sich ja der Sonne und wird dabei aufgeheizt, wodurch sein Eis sublimiert und als Gas austritt. Dabei wird Staub aus der Oberfläche mitgerissen – die Kometenkoma und letztlich der Schweif entstehen so. Dieser hier beobachtete drastische Helligkeitszuwachs ist aber ungewöhnlich. Er wäre am ehesten durch einen vorübergehenden Ausbruch zu erklären, etwa durch das plötzliche Aufreißen eines Punkts der Oberfläche. Die lange Dauer der Helligkeitszunahme und ihre Stetigkeit sind aber untypisch für einen solchen Ausbruch.

Würde der Komet weiter mit der derzeitigen Rate bis Ende Mai heller werden, käme man tatsächlich auf eine Helligkeit weit im negativen mag-Bereich. zum Perihel. Aber eine solch konstante Zunahme über einen derart langen Zeitraum ist völlig unrealistisch. Viel wahrscheinlicher ist, dass sich die Helligkeitskurve in den nächsten zwei Monaten abflacht. Wie hell der Komet am Ende wirklich wird, weiß zur Zeit niemand. Die laufenden Beobachten werden es zeigen.

Derzeitige Prognosen, die wohl weit näher an der Realität liegen, sprechen von Perihelhelligkeitswerten zwischen +1 und -2mag. Damit wäre Y4 ATLAS kurz vor seiner Sonnenannäherung im Mai gerade eben mit bloßem Auge sichtbar:

Helligkeitsprognose für C/2019 Y3 mit verschiedenen Aktivitätsparametern, die den Ausbruch vom Januar und Februar abbilden sollen. Quelle: Uwe Pilz, Fachgruppe Kometen.
Helligkeitsprognose für C/2019 Y4 mit verschiedenen Aktivitätsparametern, die den Ausbruch vom Januar und Februar abbilden sollen. Quelle: Uwe Pilz, Fachgruppe Kometen.
Helligkeitsprognose für C/2019 Y3 mit verschiedenen Aktivitätsparametern, die den Ausbruch vom Januar und Februar abbilden sollen. Quelle: Uwe Pilz, Fachgruppe Kometen.
Helligkeitsprognose für C/2019 Y4 mit verschiedenen Aktivitätsparametern, die den Ausbruch vom Januar und Februar abbilden sollen. Quelle: Uwe Pilz, Fachgruppe Kometen. Quelle und Erklärungen: Kometen-Forum

Das wäre immerhin heller als der (besser positionierte) Komet Wirtanen vor einiger Zeit. Was nach dem Perihel mit C/2019 Y4 passiert, ist eine ganz andere Frage. Sichtbar ist er dann nicht mehr, denn dazu steht er dann zu ungünstig. Vielleicht zerfällt er in der Hitze der Sonne aber und wird noch mal kurzfristig noch viel heller? Warten wir es ab!

Eine weitere  gute Nachricht noch zum Schluss: Dieser Komet bevorzugt Nordhemisphärenbewohner! Das war ja bei so manchem hellen Kometen der letzten Jahre nicht so.

10 thoughts on “C/2019 Y4 ATLAS – Ein heller Maikomet?

    • janhattenbach 2020-03-12 / 15:07

      An das Szenario “Kometenkoma unter dem Horizont, Schweif darüber” habe ich auch schon gedacht. Das wäre dann für euch droben im Norden besser zu sehen als hier auf La Palma. Warten wir’s ab, vieles ist möglich!

  1. Andreas Schnabel 2020-03-13 / 13:15

    Noch eine kleine Anekdote zum Großen Kometen von 1844:

    Leider weiß man nicht mit 100% Sicherheit, welchen Kometen der berühmte deutsche Australienforscher Ludwig Leichhardt (der übrigens aus meiner Gegend stammt und in Australien bekannter ist als in Deutschland), im Dezember 1844 beobachtet hat. Es gibt Ende 1844 mehrere Kandidaten. Auffällig ist aber, dass Leichhardt einen Kometen um die Weihnachtszeit in seinen Tagebucherwähnt hat. Leichhardt hat viele seiner Entdeckungen nach Örtlichkeiten oder Begebenheiten benannt. Noch heute zeugt der Name “Comet River” (damals von Leichhardt als “Comet Creek” bezeichnet) im australischen Bundesstaat Queensland von seiner Beobachtung und Beschreibung eines Kometen, den er am 23. Dezember 1844 an seinem Lagerplatz in den Christmas Range beobachtet hat.

    “Dezember 23. – Während der Nacht hatten wir ein schreckliches Gewitter gegen Süd mit heftigem Regen, der bis nach Mitternacht anhielt und dem ein Orkan aus Ost folgte. Wir beobachteten einen merkwürdigen Meteor von schöner bläulicher Farbe, beinahe parallel mit den Gewitterwolken schwebend.”

    Quelle: Ludwig Leichhardt: Die erste Durchquerung Australiens: 1844 – 1846

    Ich habe 2009 einen Artikel in meinem Blog darüber verfasst: https://blog.aschnabel.bplaced.net/2009/12/leichhardts-weihnachtskomet/

    Rund eine Woche später war dieser Komet eine auffällige Erscheinung am Himmel. Ich bezweifle, dass Leichhardt den Kometen 54P/de Vico-Swift-NEAT, wie vom Leichhardtforscher Bernd Marx angegeben, gesehen hat. Das Auseinanderbrechen mit gleichzeitiger Helligkeitssteigerung ist eher spekulativ. Ich habe zu damaligen Helligkeit von 54P keinerlei Aufzeichnungen gefunden. Vielmehr handelt es sich meiner Meinung nach doch eher um C/1844 Y1.

    https://www.blickpunkt-brandenburg.de/nachrichten/archiv/artikel/71965/

    In dem Buch “Exploring the History of New Zealand” gibt es ebenfalls einen Eintrag zum Kometen C/1844 Y1, der bei Google-Books abrufbar ist.

    https://books.google.de/books?id=PBMpCwAAQBAJ&pg=PA569&lpg=PA569&dq=C/1844+Y1&source=bl&ots=PY9W0B3Mj4&sig=ACfU3U1Rm-Aoj3vvofMBZMXw_YWMfpEjdg&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjNxour15foAhUGXMAKHdJlA4cQ6AEwDnoECAwQAQ#v=onepage&q=C%2F1844%20Y1&f=false

  2. Rainer Kirmse , Altenburg 2020-03-20 / 15:57

    KOMETEN –

    BOTEN AUS FERNER ZEIT

    Kometen sind, Zeugen der Geburt,
    Sonnensystems Wiege entsprungen.
    Das Urmaterial ist hier konserviert,
    Von vorzeitlichem Eis durchdrungen.

    Oortsche Wolke, Kuipergürtel ade,
    Weit draußen beginnt ihre Reise.
    Äußere Planetenbahnen passiert,
    Halten sie Einzug in uns’re Kreise.

    Die bied’re Gestalt der kalten Gesellen
    Belebt die Sonne mit Schweifespracht.
    Seit jeher von den Menschen bewundert,
    Verzaubert das Himmelsspiel die Nacht.

    Sie galten als Sendboten des Schicksals,
    Glück verheißend oder Unheil im Sog.
    Das leuchtende Zeichen am Firmament
    Zu manch fataler Entscheidung bewog.

    Sie haben viel Schaden angerichtet,
    Es wurden ganze Arten vernichtet.
    Sie brachten wohl einst Wasser hierher,
    Vielleicht auch Lebenskeime und mehr.

    Rainer Kirmse , Altenburg

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