Ein neuer veränderlicher Nebel im Kepheus (Updates)

Deep-Sky-Objekte werden heutzutage nicht mal eben so entdeckt, die meisten kennt man seit langem. Manchmal aber gibt es Ausnahmen, McNeils Nebel im Orion ist ein relativ junges Beispiel. Damals fand ein Amateurastronom einen veränderlichen Reflexionsnebel in der Nähe einer Dunkelwolke. Ähnliches könnte jetzt wieder passiert sein, diesmal im Sternbild Kepheus. Und ich will jetzt nicht angeben, aber ich glaube, mir ist möglicherweise eines der ersten (absichtlichen) Amateurfotos dieses neuen Objekts gelungen: (Updates unten!)

Neuer Nebel? Aufnahme der betreffenden Himmelsregion im Kepheus, der Pfeil markiert den "Fleck", der von Form, Größe und Position gut zum beschriebenen Objekt passt.
Neuer Nebel? Aufnahme der betreffenden Himmelsregion im Kepheus, der Pfeil markiert den “Fleck”, der von Form, Größe und Position gut zum beschriebenen Objekt passt.

Am 25. Juni berichtete Gennadiy Borisov von dem Fund im Astronomer’s Telegram Nummer 13832. Borisov ist dem ein- oder anderen bestimmt als Entdecker des zweiten interstellaren  Kometen 2I/Borisov bekannt, und auch den neuen Nebel fand er bei der Kometensuche. Die Koordinaten des Objekts sind R.A. = 21 37 18, Decl. = +66 51 57 (J2000.0). Borisov beschreibt ihn als etwa 17mag helles, rund 20 Bogensekunden großes Objekt mit einem jetartigen, 40 Bogensekunden langen “Schweif” bei Positionswinkel 315 Grad.

Bei 17mag machte ich mir keine Hoffnungen, mit meinem 400mm Newton visuell etwas zu sehen, und auch für die DSLR schien mit das Objekt bei den mir zur Verfügung stehenden Brennweiten zu klein. Aber ich teste gerade ein digitales “eVscope” der Firma Unistellar (dazu später noch mehr), und wenn dieses Instrument eines kann, dann ohne viel Aufwand ein Astrofoto machen. Also habe ich es heute morgen probiert, und das obige Bild ist das Ergebnis.

Echt oder Artefakt?

Tatsächlich kann man an genau der benannten Stelle einen schwachen Fleck erkennen, der von Form, Größe und Helligkeit zum oben genannten Objekt passen könnte. Leider ermöglicht das eVscope keinen Zugriff auf die Rohdaten (das Bild ist ein automatisch generierter Stack mit unbekannter Bildverarbeitung). So kann ich nicht ausschließen, dass es sich bei dem Fleck nicht doch um ein Bildartefakt handelt. Die Tatsache, dass ich Sterne mit knapp 16mag gut auf der Aufnahme sehen kann, und selbst solche mit 17,7 mag (Gaia-G-Band, daher nicht mit der bekannten V-Magnitude vergleichbar) zu erkennen sind, macht mich aber zuversichtlich, dass die Chance auf einen echte Nachweis des Objekts recht gut sind.

Hier eine Animation des Objekts von G. Borisov, sowie eine Aufsuchkarte erstellt mit Archivdaten (ohne Nebel):

Der Nebel war auf älteren Aufnahmen nicht zu sehen! (G. Borisov)
Der Nebel war auf älteren Aufnahmen nicht zu sehen! (G. Borisov)
Position des unbekannten Nebels (DSS/G.Borisov)
Position des unbekannten Nebels (DSS/G.Borisov)

Was ist nun das Besondere an diesem Fleck? Dass er auf älteren Aufnahmen vom Juli/August 2011 noch nicht zusehen war! Archivbilder zeigen, dass er im Juli-August 2013 erschien und ab Oktober 2014 heller wurde. Er ist also ein ziemlich neuer Nebel! Er befindet sich offenbar in einer Dunkelwolke namens TGU H642.

Aufruf!

Wenn ich mit bescheidenen Equipment den Nebel immerhin “sehen” kann, dann sollten Amateure mit besserer Ausstattung das erst recht. Daher hier ein zweifacher Aufruf: Wer kann, fotografiere doch die betreffende Region, gerne auch regelmäßig. Wenn es sich um einen variablen Nebel wie den von McNeil handelt, ist es möglich, dass sich das Objekt in Größe, Form und Helligkeit innerhalb von Wochen oder Monaten verändert, ja sogar wieder verschwindet. Und wer gute Archivaufnahmen von der Himmelsgegend hat, schaue doch mal nach, ob auf ihnen bereits etwas zu erkennen ist oder nicht! Die Profiastronomen werden sich sicher dafür interessieren! Glücklicherweise steht der Kepheus derzeit am Morgen recht hoch am Nordosthimmel.

Hier noch mal der Link zum ATel 13832.

Nachtrag: Im ATel 13834 berichtet Bringfried Stecklum (Thüringer Landessternwarte Tautenburg), dass der Ausbruch eines jungen stellaren Objekts (YSO) für die Entstehung des Nebels verantwortlich sein könnte.

Nachtrag, 29.06.: Danke an Thomas Schiffer, der letzte Nacht das Objekt mit seinem 300mm f/3,6 Astrografen angelichtet hat! Mehr dazu auf astronomie-teilen.de.  Hier sein Bild aufgenommen ohne Filter:

Bild: Thomas Schiffer
Bild: Thomas Schiffer

Wie ich finde, ist das Objekt eindeutig zu sehen, und zeigt zudem eine deutlich dreieckige Form.

Nachtrag, 30.06.: Thomas Schiffer hat wieder fleißig belichtet letzte Nacht, insgesamt 1800 Sekunden sind zusammengekommen. Hier sein neuestes Bild (vom 29.06.) im Vergleich mit der obigen DSS-Aufnahme. Ich würde sagen, da ist nicht nur ein Nebel hinzugekommen, sondern auch einer verschwunden (roter Pfeil). Oder irre ich mich?

Bild: DSS (links), Thomas Schiffer (rechts)
Bild: DSS (links), Thomas Schiffer (rechts)

Die beiden ebenfalls markierten Sterne (W und NW des Nebels) liegen bei 18mag!

Nachtrag, 3.7.: Es gibt Neuigkeiten zum neuen Nebel, der so neu gar nicht ist: Schon 2015 wurde er von mehreren Amateurastronomen (von den Sternfreunden Ostwestfalen-Lippe e.V.!) gemeldet und abgelichtet. Ein neues ATel (#13856) vom 3.7.) gibt Auskunft: Demnach wurden 2015 umfangreiche Nachuntersuchungen gemacht, u.a. mit dem 10-m Keck-Teleskop auf Hawaii. Als Kandidat für den Verursacher gilt eine junge stellare Quelle namens NWISE-F J213723.5+665145, die mit dem Infrarotteleskop NEOWISE (übrigens das gleiche, das auch den gleichnamigen Kometen entdeckt hat) gewunden wurde, und die nur im Infrarotlicht zu erkennen ist. Im Optischen ist sie selbst mit Keck unsichtbar.

G. Borisow hat den Nebel nun also “noch einmal” entdeckt. Was aber nichts am Aufruf ändert: Der Nebel ist variabel, könnte also seine Erscheinungsform ändern. Und vor allem Bilder im Zeitraum 2012-2013 werden weiter gesucht, um besser einzugrenzen, wann genau der Nebel das erste Mal erschienen ist!

Hier geht es zum neuen ATel #13856.

Hier geht es zu einer Seite von Lynne Hillenbrand (Caltech) mit Bildern, u.a. von Keck. 

3 thoughts on “Ein neuer veränderlicher Nebel im Kepheus (Updates)

  1. Thomas Schiffer 2020-06-29 / 9:20

    Hello Jan,
    congratulations on your hit. I can confirm your admission. Last night I had the opportunity to go to the coordinates at half moon and between the cloud gaps. Hit!
    Greetings, Thomas

    More see Twitter…

    • janhattenbach 2020-06-29 / 11:51

      Genial! Habe dein Bild gleich mal oben eingefügt!

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