Eine astronomische Pressemeldung und ihr Inhalt

Ffffffffffft. Als Wissenschaftsjournalist hört man ihn manchmal ganz leise beim Lesen gewisser Pressemeldungen: den Klang entweichender, heißer Luft. Letzte Woche war wieder AAS-Tagung in den USA, und mein Email-Postfach quoll über. Viele der dort verkündigten astronomischen Neuigkeiten sind wirklich spannend und haben Hand und Fuß, aber manchmal… Bei folgendem Beispiel handelt es sich wohlgemerkt nicht um die Regel. Ein Einzelfall ist es aber auch nicht.

Vorweg: Eine Sperrfrist, vulgo EMGARGO, gehört zu einer guten Pressemeldung selbstverständlich dazu. Signalisiert sie doch die ungeheure Bedeutung der verkündeten Forschungsergebnisse. Wer das Embargo missachtet und vor Ende der Sperrfrist plaudert, den holen bekanntlich die Herren in den dunklen Anzügen. Inzwischen ist das Embargo für unser Fallbeispiel natürlich abgelaufen, also kann ich gefahrlos darüber sprechen. (Ich zitiere die ursprüngliche Email ungekürzt, ein etwas anderer Text erschien später hier.)

**EMBARGOED** Villanova: Potential for Life on Planet Around Barnard’s Star

Der Titel muss Wichtigkeit ausstrahlen, und das tut er hier auch: Wissenschaftler haben offenbar Potential für Leben auf einem Planeten um Barnards Stern gefunden. Das zumindest könnte man denken, wenn man eine Überschrift wie „Potential für Leben auf Planeten um Barnards Stern“ liest. Typischer Anfängerfehler!

Denn mit dem Leben auf fremden Planeten ist das so eine Sache: Wir haben so gut wie keine Ahnung, wie es auf Planeten außerhalb des Sonnensystems aussieht und können nur Vermutungen auf Basis mehr oder weniger ungenau bekannter globaler Parameter anstellen.

Doch Barnards Stern ist immerhin einer der nächstgelegenen Sterne überhaupt, nur sechs Lichtjahre trennen uns von ihm. Sein Planet „Barnard b“ wurde erst vor wenigen Monaten entdeckt. Vielleicht also doch ein bisschen mehr diesmal? Lesen wir mal.

NEW FINDINGS BY VILLANOVA ASTROPHYSICISTS INDICATE GEOTHERMAL ACTIVITY ON ICY BARNARD B SUPER-EARTH PLANET MAY SIGNAL POTENTIAL FOR EXISTENCE OF PRIMITIVE LIFE

Sapperlot! „Neue Erkenntnisse“ der Astrophysiker einer ziemlich unbekannten Universität irgendwo in Amerika deuten auf geothermische Aktivität auf dem eisigen Exoplaneten „Barnard b“ hin. Da ist es vielleicht nur ein kleiner Schritt zu primitivem Leben. Könnte man aus dieser Überschrift herauslesen, oder nicht? Spoiler alert: Ich bin wieder einem Anfängerfehler aufgesessen! Das wichtigste Wort in obigem Absatz lautet nämlich „may“.

So geht es dann weiter (Einschübe von mir):

Barnard b (or GJ 699 b) is a recently discovered Super-Earth planet orbiting Barnard’s Star, making it the second nearest star system to the Earth. Although likely cold (-170 degrees centigrade), [“likely cold“, so genau weiß man es dann wohl doch nicht] it could [könnte] still have the potential to harbor primitive life if it has [wenn] a large, hot iron/nickel core and [und wenn] enhanced geothermal activity. That was a conclusion announced by Villanova University Astrophysicists Edward Guinan and Scott Engle at a January 10 press conference held at the 233rd meeting of the American Astronomy Society (AAS) in Seattle, WA [https://aas.org/meetings/aas233].

Wow – das fiel jetzt aber schneller auseinander als die letzte WM-Kampagne der deutschen Fußballnationalmannschaft. Wenn der Planet kalt ist, und wenn er einen heißen Eisen-Nickel Kern hat, und wenn er sowas wie geothermale Aktivität besitzt, dann könnte er Potential haben, primitives Leben zu beherbergen? Was für eine Erkenntnis! Dazu stelle ich fest: Wenn er darüber hinaus hohl ist und wenn die Nazis Reichsflugscheiben hatten, dann könnte es dort heute auch ein Neu-Germanien geben. Ok, albern. Aber welche sind denn nun die versprochenen „Erkenntnisse“, dass es so ist (also das mit dem primitiven Leben, nicht mit den Weltraumnazis)?

The announcement was based on findings from a paper titled, “X-Ray, UV, Optical Irradiances and Age of Barnard’s Star’s New Super Earth Planet — ‘Can Life Find a Way’ on Such a Cold Planet?” [PDF] co-authored by Guinan, Scott Engle and Ignasi Ribas, Director of the Institute of Space Studies of Catalonia (IEEC), and Institute of Space Sciences (ICE, CSIC).

Das verlinkte Poster enthält das im obigen Absatz gesagte, nur ausführlicher: Barnard b ist wohl sehr kalt, aber hätte, hätte, Fahrradkette: könnte vielleicht dennoch Leben haben. Aus den „findings“ ist übrigens zwischenzeitlich ein „announcement“ geworden, eine „Ansage“ also. Was auch passender ist. Aber vielleicht kommt ja noch was?

“Geothermal heating could support ‘life zones’ under its surface, akin to subsurface lakes found in Antarctica,” Guinan said. “We note that the surface temperature on Jupiter’s icy moon Europa is similar to Barnard b but, because of tidal heating, Europa probably has liquid oceans under its icy surface.”

Ablenkungsmanöver gefällig? Ja, in der Antarktis gibt es Seen unter Eis. Ja, Jupiters Mond Europa hat vielleicht einen Ozean unter seinem Eispanzer, vielleicht! Gibt es denn sonst noch irgendetwas Substantielles zu Barnard b? Auch als Wissenschaftsschreiberling hätte man beizeiten gerne ein bisschen Butter bei die Fische. Ich bin nicht der Herr Relotius. Brauche Fakten, ihr versteht?

The discovery of Barnard’s Star b was announced in November 2018 in the academic journal Nature. An international team of researchers led by Ribas of the Institute of Space Studies of Catalonia (IEEC), and Institute of Space Sciences (ICE, CSIC), which included Guinan and Engle, based its analysis on 18 years of observations combined with newly acquired data.

Puh, also immerhin scheint der Planet selbst keine reine Spekulation zu sein. Wobei, da hat man ja auch schon Sachen erlebt: „Es stand in Nature, aber es könnte ja trotzdem stimmen“ hat als running gag inzwischen auch schon einen Bart.

Barnard’s Star b, with a mass just over three times that of the Earth, orbits Barnard’s Star, a red dwarf star, every 233 days and at roughly the same distance that Mercury orbits the Sun. It passes near the dim star’s snow line.

Nett, aber das weiß man ja schon seit der Entdeckungsmeldung im November 2018. Irgendetwas Neues noch? Vielleicht sogar zum Thema?

Guinan and Engle have obtained high-precision photometry of Barnard’s Star (as well as dozens of other stars) for the past 15 years. This data, along with that of other observers, was included in a recent comprehensive study led by Borja Toledo-Padrón, a doctoral student at the Institute of Astrophysics of the Canary Islands, University of La Laguna. Although very faint, it may be possible for Barnard b to be imaged by future very large telescopes, according to Guinan. “Such observations will shed light on the nature of the planet’s atmosphere, surface, and potential habitability,” he added.

Nee, im Ernst jetzt? Neue Teleskope sollen es richten? Die Standard-Konklusio, wenn man eben kein wirkliches Fazit zu bieten hat? „Barnard b ist sehr lichtschwach, aber mit zukünftigen Teleskopen könnte man vielleicht ein Foto davon machen.“ Und dann weiß man aber endlich ganz genau Bescheid. Ganz sicher jetzt.

“Barnard’s Star has been on our radar for a long time,” Guinan said. “In 2003 it became a founding star member of the Villanova ‘Living with a Red Dwarf’ program that has been sponsored by the National Science Foundation (NSF) and National Aeronautics and Space Administration (NASA).

Herzlichen Glückwunsch!

“The most significant aspect of the discovery of Barnard’s star b is that the two nearest star systems to the Sun are now known to host planets. This supports previous studies based on Kepler mission data, inferring that planets can be very common throughout the galaxy, even numbering in the tens of billions,” Engle noted. “Also, Barnard’s Star is about twice as old as the Sun — about 9 billion years old compared to 4.6 billion years for the Sun. The universe has been producing Earth-size planets far longer than we, or even the Sun itself, have existed.”

Der meistsignifikante Aspekt dieser Pressemeldung ist, dass es sich in 99,9% der Fälle nicht lohnt, Pressemeldungen zu Ende zu lesen, die mit “potential”, “life” und “planet” beginnen. Zumindest, bis die future very large telescopes fertig sind.

Nachrtrag: Einzig positiv zu vermerken ist, dass diese bahnbrechende Meldung zumindest im deutschsprachigen Raum kein nennenswertes Medienecho gefunden hat.

2 thoughts on “Eine astronomische Pressemeldung und ihr Inhalt

  1. Daniel Fischer 2019-01-14 / 12:16

    Den Pressekonferenz-Auftritt, zu dem der Press Release gehörte, kann man hier anschauen (AAS 233 – am Ende von “Exoplanets and Life Beyond Earth”) und die Viewgraphs davon hier anschauen. Ich fand sie in sofern nützlich, als hier ein generell neuer Weg zu theoretisch habitablen Welten bei Roten Zwergen aufgezeigt wurde: großer Abstand vom Stern, dadurch nur so viel harte Strahlung wie sie die Erde von der Sonne erhält (im Gegensatz etwa zum malträtierten Proxima Centauri b), und gegen die extreme Kälte könnte Geothermie helfen, wie sie bei Supererden funktionieren könnte.

    • janhattenbach 2019-01-15 / 10:17

      “Ein neuer Weg zu theoretisch habitablen Welten bei Roten Zwerge” wäre vielleicht eine treffende Überschrift zur zugehörigen Pressemitteilung gewesen.

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