Eine außergewöhnliche Sternfinsternis im September

Vor einigen Jahren berichtete ich in den Himmelslichtern über den Stern Epsilon Aurigae, der alle 27 Jahre von einem mysteriösen Objekt bedeckt wird. Die resultierenden Verdunklungen sind für geübte Beobachter mit bloßem Auge sichtbar, und viele Beobachter verfolgten die letzte visuell oder fotografisch. Im September könnte sich, wenn die Berechnungen stimmen, etwas ähnliches wiederholen. Im Mittelpunkt steht diesmal der Stern HD290380 (oder PDS 110) im Sternbild Orion.

Anders als Epsilon Aurigae ist PDS 110 mit bloßem Auge nicht zu sehen. Seine Helligkeit liegt normalerweise bei 10,4 mag. Damit ist visuell ein kleines Amateurteleskop (10 bis 15 cm Öffnung) erforderlich, fotografisch reicht ein Teleobjektiv. Im September ist der Orion am frühen Morgenhimmel für wenige Stunden am Osthimmel zu sehen. Das Beobachtungsfenster ist also klein und liegt ausgerechnet in den schlaftechnisch ungünstigsten Stunden.

Das Sternbild Orion am frühen Morgen um den 15. September. Die runde Markierung zeigt die Position des Sterns PDS 110 an. Erstellt mit Stellarium.
Das Sternbild Orion am frühen Morgen um den 15. September. Die runde Markierung zeigt die Position des Sterns PDS 110 an. Erstellt mit Stellarium.

Die Sache ist also eher etwas für „ernsthafte“ Amateurastronomen mit Erfahrung in der Sternphotometrie und Ausdauer bzw. ernsthaften Schlafstörungen. Die Aufsuchkarte zeigt, wie man PDS 110 am besten findet: Ausgangspunkt ist der helle Stern Delta Orionis (Mintaka), der rechte Stern des Oriongürtels.

Position von PDS 110 im Sternbild Orion. Ausgangspunkt für das Starhopping ist der rechte Gürtelstern des Orion (Mintaka). Ein Teleskop ab etwa 10cm Öffnung sollte ausreichen, um PDS 110 zu sehen. Erstellt mit Stellarium.
Position des 10,4mag hellen Sterns PDS 110 (runde Markierung) im Sternbild Orion. Ausgangspunkt für das Starhopping ist der rechte Gürtelstern des Orion (Mintaka). Ein Teleskop ab etwa 10cm Öffnung sollte ausreichen, um PDS 110 zu sehen. Erstellt mit Stellarium.

Stimmt das, was Hugh Osborn von der Universität Warwick und ein Team von Astronomen ausgerechnet haben, dass wird die Helligkeit von PDS 110 im September 2017 für etwa 25 Tage auf 10,75 mag absinken. Klingt nicht nach viel, ist aber immerhin ein Helligkeitsverlust von einem Drittel. Für erfahrene Beobachter könnte es mit Hilfe von Vergleichssternen möglich sein, dieses Ereignis visuell zu erkennen. Alternativ kann man Fotos des Sterns mit Software (etwa dem frei erhältlichen Programm Iris) ausmessen. Umfangreiches Material und Informationen zur Beobachtung von PDS 110 stellt wie immer die AAVSO zur Verfügung.

Die Voraussage von Osborn und seinen Kollegen basiert auf Daten automatischer Teleskope seit 2002. Die hatten den Jahren 2008 und 2011 zwei ähnliche Verfinsterungen beobachtet. Die Erklärung: Offenbar wird der Stern regelmäßig von einem zweiten Objekt bedeckt. Besonders auffällig ist, dass der Helligkeitsabfall 2008 und 2011 nicht gleichmäßig erfolgte, sondern mehrere heftige Sprünge zeigte. Das bedeckende Objekt kann also kein normaler Stern oder Exoplanet sein. Leider konnten in den letzten 15 Jahren keine weiteren Verfinsterungen gesichtet werden, weil diese jeweils in Zeiten fielen, in denen Orion und damit PDS 110 unbeobachtbar am Taghimmel standen.

Zweimal haben automatische Teleskope bereits Verfinsterungen des Sterns PDS 110 beobachtet: 2008 und 2011. Die Helligkeit fiel jeweils um etwa 30 %, bzw. absolut von 10,4 auf 10,75 mag. Osborn et al. 2017.
Zweimal haben automatische Teleskope bereits Verfinsterungen des Sterns PDS 110 beobachtet: 2008 und 2011. Die Helligkeit des Sterns fiel jeweils um etwa 30 %, bzw. absolut von 10,4 auf 10,75 mag. Quelle: Osborn et al. 2017.

Den Analysen zufolge ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein großer Planet oder ein Brauner Zwerg (also ein zu klein geratener Stern) für die Verfinsterungen verantwortlich, der von einer ausgedehnten Staubscheibe umgeben ist. Diese Scheibe durchmisst etwa 0,3 Astronomische Einheiten. Die Sprünge im Helligkeitsverlauf erklären sich die Astronomen dadurch, dass diese Staubscheibe wie die Ringe des Saturn aufgebaut ist: Tritt Sternlicht durch die Ringlücken, steigt die Helligkeit wieder sprunghaft an. Dieses Objekt besitzt den Berechnungen zufolge zwischen 1,8 und 70 Jupitermassen und befindet sich auf einer Umlaufbahn um PDS 110, die es alle 808 Tage aus Sicht der Erde genau vor dem Stern vorbeiführt.

Modell des Systems aus PDS 110 und des bedeckenden Objekts. Aus Osborn et al. 2017.
Modell des Systems aus PDS 110 und des bedeckenden Objekts. Quelle: Osborn et al. 2017.

Um möglichst vollständige Daten der bevorstehenden Bedeckung zu sammeln, sind Amateurastronomen aufgefordert, eigene Beobachtungen an die AAVSO zu senden. Und das möglichst nicht nur während der Bedeckung selbst, sondern auch Wochen vorher und danach. Wann genau die Bedeckung eintritt, wie lange sie dauert und ob es vorher oder nachher weitere Helligkeitsschwankungen gibt, ist schließlich nicht bekannt. Lohn der Arbeit ist die Gewissheit, bei der Entdeckung eines Super-Saturns in einem 1000 Lichtjahre entfernten Sonnensystem mitgeholfen zu haben.

Also: Ab Mitte August bitte täglich zeitig aufstehen und ran ans Teleskop. Wie gesagt, Agrypnie ist ein Asset, aber das wissen Amateurastronomen ja sowieso.

Nachtrag: 4 Fragen an Hugh Osborn zur Beobachtung des (möglichen) Ringplaneten bei PDS 110

Originalstudie von Hugh Osborn et al.

Webseite der AAVSO mit weiteren Karten und Link zur Einsendung eigener Beobachtungen.

Anleitung zum Einstieg in die Beobachtung veränderlicher Sterne.

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