Elon Musks Starlink ist ein Problem, und die Zeit zum Handeln wird knapp – 2 UPDATES

Im Mai veröffentlichte ich den viel gelesenen Beitrag Elon Musks “Starlink” – das Ende des Nachthimmels, wie wir ihn kennen? – mit Fragezeichen, denn die Auswirkungen der ersten “Megakonstellation” aus mehreren Tausend Satelliten waren damals noch spekulativ. Vor allem die Helligkeit der Starlink-Satelliten und damit ihre Sichtbarkeit am Himmel waren unbekannt.  Nun sind wir im Dezember 2019, die ersten 60 Starlinks sind in ihrer finalen Umlaufbahn und ein weiterer Schub wurde im November auf den Weg gebracht. Beobachtungen vom Erdboden liegen zahlreich vor. Sie machen deutlich, dass wir das Fragezeichen des Mai-Artikel getrost streichen dürfen.

***Update, 4.12.: Lesenswerter Artikel von Sky&Telescope zum selben Thema – mit so etwas wie “guten Nachrichten”, zumindest für visuelle Beobachter. Nur das mit der schwarzen Farbe hätte ich mal gerne etwas genauer – ist das nun wirklich geplant oder nur ein PR-Ablenkungsmanöver?

Update, 05.12.: Starlink bekommt bald Gesellschaft: 2020 sind vier Starts des Konkurrenzunternehmens OneWeb (Amazon) geplant, der erste im April:

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Ein Zeitraffervideo des Astronomy! Project Oostkapelle (h/t: Klaas Jobse) in den Niederlanden vom 29. November gibt einen Vorgeschmack auf das, was in Zukunft wohl Normalität sein wird. Während zwei Stunden in den frühen Morgenstunden hat die Kamera 32 Meteore, 34 Flugzeuge und sage und schreibe 161 Satelliten registriert, die meisten davon von Elon Musks weltweiter Internet-Zwangsbeglückung.

Beeindruckend sind vor allem die schnell aufeinanderfolgenden Satelliten des im November gestarteten Starlink 2-Batchs (im Video ab 20 Sekunden, etwa in der Bildmitte). Diese sind noch auf dem Weg zu ihren endgültigen Orbits und damit besonders dicht und hell. In den ersten 15 Sekunden des Videos sieht man aber auch die Satelliten des im Mai gestarteten Starlink 1-Batchs. Sie sind weiter auseinander gestreut und passieren am rechten Bildrand den hellen Stern Arktur.

Was haben wir nun gelernt?

  1. Die Starlink-Satelliten sind sichtbar, und zwar teilweise mit bloßem Auge, auch wenn sie sich in ihren Arbeitsorbits befinden (hier noch ein Beispiel). Wie hell genau, hängt freilich vom Sonneneinstrahlwinkel und damit vom Beobachtungsort ab. Aber so zwischen 4 und 7mag dürften sie erreichen. Das reicht aus, um einige mit bloßem Auge zu sehen, aber alle auf Fotografien. Der Satz von Musk, Starlink werde “für niemanden sichtbar sein, außer man schaue genau hin”, ist damit als falsch entlarvt. Keine wirkliche Überraschung, behauptete Musk im Mai doch z.B. auch, die ISS sehe man nur, weil sie “Lichter” habe.
  2. Die Satelliten sind zwar nur sichtbar, wenn sie von der Sonne angestrahlt werden, doch das ist offenbar weit bis in die dunkle Nacht hinein der Fall. Insbesondere nach der Abenddämmerung und vor der Morgendämmerung wird der Himmel also voll von Satelliten sein, wenn SpaceX seinen Plan (12000 Satelliten, nach neuesten Berichten sogar bis zu 42000) wie gehabt umsetzt. Für Orte hoher Breiten (und damit ist auch Mitteleuropa gemeint) werden die Satelliten in den Sommermonaten (Mai bis August) die gesamte Nacht zu sehen sein. Siehe auch die Analyse von Cees Bassa, erwähnt im Mai-Artikel).
  3. Zu jedem Zeitpunkt werden Dutzende, später hunderte Satelliten von jedem Ort der Erde aus am Himmel sein. Sie werden auch die Zahl der (in Europa z. B.) sehr häufigen Flugzeuge übertreffen.

Profiastronomen werden sich Gedanken machen müssen, wie sie unter diesen Umständen  bestimmte Beobachtungen durchführen können. Das Entfernen von Satellitenspuren auf Himmelsaufnahmen wird zu einem unbedingt notwendigen Standardverfahren werden.

Welche Konsequenzen drohen Hobbyastronomen?

Nach dem oben Gesagten hängt das von zwei Faktoren ab:

  1. Beobachter in hohen Breiten werden generell mehr Probleme mit Starlink bekommen, vor allem im Sommer. Das liegt daran, dass der Einstrahlwinkel der Sonne in hohen Breiten flacher ist. Die Satelliten sind also länger im Sonnenlicht und damit sichtbar. Beobachter in niedrigeren Breiten können sich um die astronomische Mitternacht herum über ein paar Stunden Starlink-freien Himmel freuen. Mit hohen Breiten meine ich 40° n.B. und mehr (also auch Deutschland), mit mittleren Breiten 30° und weniger (z.B. La Palma).
  2. Visuelle Beobachter sind noch am wenigsten betroffen, zumindest wenn sie die ästhetische Verschmutzung des Himmels mental ausblenden können.
  3. Weitwinkel- und Nightscape-Astrofotografen werden sich Gedanken machen müssen, wie sie der Satellitenflut in Zukunft Herr werden wollen. Eine softwareseitige Satellitenspurentfernung, etwa durch Stacking, ist bereits heute möglich und wird zukünftig ein Muss sein. Einzelaufnahmen, etwa von der Sommermilchstraße, werden in naher Zukunft kaum noch ohne Satellitenspuren machbar sein. Wer sich damit nicht auseinandersetzen will, sollte sich überlegen, ob Astrofotografie in Zeiten der Megakonstellationen noch das richtige Hobby ist.

Diese Simulation von Michael Vlasov zeigt, wie viele Starlink-Satelliten (bei vollem Ausbau des Netzwerks, d.h. 12000 Satelliten) in einer Juninacht für einen Beobachter bei 32° Nord im Sonnenlicht sind. Längst nicht alle davon sind hell genug fürs bloße Auge, mit Astrofotografien aber leicht zu erfassen:

Hier eine Simulation für das bloße Auge (wieder bei 12000 Satelliten, wieder für 32° Nord im Juni). Nur nach der Abend- bzw. vor der Morgendämmerung fallen die Satellitenketten auf, später sind sie kaum wahrnehmbar (wobei die Helligkeiten schwanken können, also nicht allzu genau nehmen):

(Ich bin visueller Beobachter, und bleibe es bei den Aussichten wohl auch!)

Besteht noch Hoffnung?

Das hängt davon ab, wie optimistisch (oder pessimistisch, je nachdem) man ist:

  • Es gibt Bestrebungen von Profiastronomen, mit SpaceX an einem verbesserten Design der Satelliten zu arbeiten. So könnte man vielleicht das Problem durch weniger reflektive Außenhüllen abmildern. In den vergangenen sechs Monaten ist mir aber nicht zu Ohren gekommen, dass daran tatsächlich gearbeitet würde. Und selbst wenn Musk ähnliches behauptet hat – wie glaubwürdig seine Aussagen generell sind, sieht man auch am obigen Beispiel.
  • Politiker könnten auf die Idee kommen, dass es eine gute Idee wäre, den Wilden Westen auch im Erdorbit durch international verbindliche Regeln zu ersetzen.
  • Starlink könnte pleite gehen, weil der Konsument kein Geld für Internet vom Himmel ausgeben will und die Finanzierung des Netzwerks scheitert.
  • Eine Kollision von Starlink-Satelliten mit entsprechendem Kessler-Effekt könnte den von SpaceX besetzten Orbit unbenutzbar machen. So ganz unkompliziert sind ein paar tausend zusätzliche Satelliten nämlich nicht. Dass dieses Szenario keine Science-Fiction ist, zeigte ein Zwischenfall im September.

Die Zeit, auf irgendeine Weise Abhilfe zu schaffen, läuft jedoch schnell ab. Noch diesen Dezember soll es einen weiteren Starlink-Start geben, dann wären es schon 180 Satelliten im Orbit. Bis Ende 2020 will es Musk auf rund 1500 Satelliten gebracht haben. So bleibt bis auf weiteres nur, zuzuschauen, wie sich ein Milliardär des Nachthimmels ohne Rücksicht auf nichts und niemanden bemächtigt, die erdgebundene Astronomie und die Sicherheit der Raumfahrt bedroht und angeblich durch niemanden gestoppt werden kann. Und weiter Fakten schafft. Das kann noch lustig werden.

10 thoughts on “Elon Musks Starlink ist ein Problem, und die Zeit zum Handeln wird knapp – 2 UPDATES

  1. Andreas Schnabel 2019-12-02 / 10:56

    Vielen Dank für den Artikel.

    Ich finde es mittlerweile erschreckend, wie deutlich die Satelliten am Himmel zu sehen sind, vor allem auf länger belichteten Aufnahmen. Ich wohn hier auf 52 Grad Nord und somit sind die Dinger in den Sommermonaten die ganze Nacht zu sehen. Die Bilder Leuchtender Nachtwolken im Sommer werden dann mit Dutzenden von Satellitenspuren verziert sein.

    Vor einigen Tagen habe ich zum ersten Mal die Starlink-Satelliten am Morgenhimmel gesehen, wie sie aus dem Erdschatten auftauchten und in Richtung Arcturus im Bootes zogen. Ich muss zugeben das sah schon interessant aus. Allerdings wenn ich mir vorstelle, dass in den nächsten Jahren diese ständig zu sehen sein werden, verflüchtet sich die Begeisterung Schlag auf Schlag.

    Und dann gibt es Leute, die das Problem der Megakonstellationen immer noch verharmlosen.

  2. Thomas Schiffer 2019-12-03 / 6:17

    Hallo Jan,
    vielen Dank, dass du am Thema bleibst. Aus meiner Sicht ist dazu alles gesagt, es scheint aber weder Politik noch Wissenschaft weiter zu stören.
    Erstaunlich auch, dass andere Weltraumnationen (Russland / China) hier kein Veto einlegen.
    Somit kann ein Land und eine Behörde globale Entscheidungen fällen über die Gestaltung des erdnahen Orbits.
    Es scheint den Menschen wichtiger zu sein, von jedem Ort dieser Welt
    Katastrophen- und Unfallbilder live und in Echtzeit in das globale Netzt zu speisen.
    Auch mal ein Thema für „ Fridays for Future“ wie die CO2-Bilanz für ein Selfie etc. aussieht.
    Ich finde es auch bemerkenswert, wie der Weltverbesserer Herr „Elon Musk“ vor einer unkontrollierbaren „KI“ warnt und gleichzeitig die dafür notwendige Infrastruktur aufbaut.
    Über einen Kaskaden-Effekt brauchen wir uns keine Gedanken zu machen, im Ernstfall
    wird uns die USA einen „Bruce Willis“ schicken, der die Welt retten wird.
    PS. Im Mai habe ich das Redaktionsteam von Prof. Lesch diesbezüglich angeschrieben.
    Es gibt aber keine Reaktion zum Thema … entspricht ja auch nicht dem Mainstream unserer amerikanischen Freunde.

  3. Karl der Käfer 2019-12-04 / 7:47

    Hallo,

    ich denke wir sollten das positiv sehen. Weit mehr als 90% der Menschen in den Industrieländern wird das nicht die Bohne interessieren. Die bemerken auch keine Lichtverschmutzung, kein Insektensterben, keinen trockenen Sommer und einen Acker halten die für ein naturnahes Biotop. Warum sollten sie sich auch für die Natur interessieren? Prekariatsfernsehen, Stars, Sternchen und Prominente, sowie groß in Szene gesetzte Psudoereignisse und die neueste Wegwerfmode sind doch viel interessanter. Tun wir der Welt also einen Gefallen und hören endlich mit diesem anachronistischen Hobby auf. Die eigene Beobachtung der Welt ist so was von 80er, genießen wir endlich die digitale Einheitssuppe aus Simulation und Konserve. Das befreit auch von der Verpflichtung sich mit Kälte und nächtlichen Beobachtungszeiten herumschlagen zu müssen. Von nun an gibt es alle Inhalte schön vorgekaut und bequem vom Sofa aus zu konsumieren…

    Diese persönliche Meinung entstand unter der freundlichen Mitwirkung der lieben Mitmenschen, welche ich in den letzten Jahrzehnten kennenlernen durfte.

  4. Muadiep 2019-12-06 / 13:44

    Insgesamt ein ganz guter Artikel. Zwar auch persönlich gefärbt, aber das ist ja okay.

    Nur zwei Korrekturen:

    – EINE Kollision führt zu keinem Kessler-Effekt. Insb. nicht im selbst-reinigenden (< ~25a decay) LEO
    – In sehr hohen Breitengraden wird Starlink wieder weniger zu einem Problem. Oberhalb von ~58° wird man nur noch die Polaren Sats sehen.
    (- Manche sollen ja Satellitendurchzüge ja sogar ästhetisch ansprechend und schön finden. So wie manche Menschen Weizenfelder und Industriearchitektur schön finden.)

    • janhattenbach 2019-12-06 / 17:39

      Danke (wie auch allen vorherigen Kommentatoren) für den Beitrag! Nur eine Anmerkung: Ja, der Text ist persönlich gefärbt und absolut subjektiv. That’s the beauty eines persönlichen Blogs 😉

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