Endlich! Ein “richtiger” Komet! **Updates!**

Lange zierte sich der Himmel über den Kanaren, Saharastaub behinderte den Blick zum Firmament, insbesondere an den Horizont, wo bekanntlich in diesen Tagen der Komet C/2020 F3, genannt Neowise, die Blicke auf sich zieht. Heute morgen aber hatte ich von 2000 Meter über dem Meer beste Sicht auf den Kometen und seine beiden(!) Schweife. Ich bin jetzt noch hin und weg. Seit Hale-Bopp habe ich keinen so schönen Kometen mehr gesehen! Die älteren werden sich vielleicht erinnern, das war 1997!

Komet C/2020 F3 NEOWISE am Morgen des 11. Juli 2020. Stack aus 24 Einzelaufnahmen.
Komet C/2020 F3 Neowise am Morgen des 11. Juli 2020. Stack aus 24 Einzelaufnahmen.

Also, wer irgendwie kann, sollte sich diesen Kometen ansehen! Gute Sicht nach Nordosten und einigermaßen dunkler Himmel (letzteres bei der derzeitigen Mondphase eher schwierig) sind anzuraten. Nachdem sich der Komet gegen 04:40 UT langsam durch die immer noch vorhandene Staubschicht gekämpft hatte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen: Ein mindestens sieben Grad langer Staubschweif stand fast senkrecht über dem Atlantik!

Komet Neowise über dem Atlantik, gesehen von La Palma.
Komet C/2020 F3 Neowise über dem Atlantik, gesehen von La Palma. Rechts die Venus im Sternhaufen der Hyaden, darüber die Plejaden, das berühmte Siebengestirn. (11. Juli 2020)

Der Komet war mitsamt Schweif problemlos mit bloßem Auge zu sehen (wobei sich die obige Längenangabe auf den Anblick im 10×50-Feldstecher bezieht). Im 25×100 (oder jedem guten Teleskop) zeigt sich eine kompakte Koma mit einem sehr hellen false nucleus, aus dem zwei deutlich abgetrennt geschwungene Staubfontänen schießen – wenn ich es schaffe, versuche ich davon auch noch an ein Bild oder eine Zeichnung. Leider bleibt zwischen Kometenaufgang und heller Dämmerung kaum eine Stunde Zeit, so dass man sich ranhalten muss.

Komet erlegt, Tag gerettet!
Komet erlegt, Tag gerettet!

Auf dem Foto ganz oben (für das ich 24 Einzelaufnahmen, 70mm, ISO1600, f/4 und 30 Sekunden Belichtungszeit kombiniert habe) sieht man auch den visuell nicht sichtbaren dünnen Plasmaschweif- Staubschweif, Plasmaschweif und dazu eine Koma mit interessanter Struktur – Neowise hat alles, was zu einem anständigen Kometen gehört! DAS war aber auch mal an der Zeit!

Ein bisschen mehr Info und insbesondere Aufsuchkarten für den ab Mitte nächster Woche dann auch bequemer am Abendhimmel sichtbaren Kometen gibt es in diesem Artikel. Klaren Himmel und viel Erfolg bei der Jagd – wer weiß, wie lange wir auf den nächsten hellen Kometen warten müssen…

Nachträge

Nachtrag, 13.7.: Hm. Heute, zwei Tage später, sah der Komet am gleichen Beobachtungsplatz deutlich schwächer aus. Mit bloßem Auge war er gerade zu erkennen. Vom Dämmerungshimmel konnte er sich nicht mehr so gut abheben wie am Samstagmorgen. Das kann mit seiner niedrigeren Elevation gepaart mit einer höheren und diffuseren Schaubschicht (der Saharastaub ist immer noch da, zu sehen in den farbenfrohen Bändern am Horizont, s.u.) und des näher stehenden Monds liegen. Allerdings fand ich auch, dass im Fernglas und Teleskop die “Schwingen” der Koma weniger prägnant waren. Wird Neowise schon schwächer?

Neowise am Morgen des 13.7. Einzelaufnahme (200mm, ISO 800, f/4,5, 15s, Ausschnitt).
Neowise am Morgen des 13.7. Einzelaufnahme (200mm, ISO 800, f/4,5, 15s, Ausschnitt).

Nachtrag, 15.7.: Mit Verspätung wegen der südlichen Breite erschien Neowise gestern Abend nun auch am Abendhimmel La Palmas. Mit bloßem Auge nicht zu sehen, im Fernglas (25/100) immerhin ein 2-3 Grad langer Schweif. Mal schauen, wie er sich macht, wenn er in den kommenden Tagen am dunklen Himmel steht.

F3 Neowise am 14. 7., Abendhimmel
F3 Neowise am 14. 7., Abendhimmel

Nachtrag, 16.7.: Junge, Junge, das ist ein Unterschied! Gestern bei richtig klarem Himmel bis an den Horizont war es überhaupt gar kein Problem, Neowise mit bloßem Auge zu erkennen, inklusive Staubschweif, den ich bei indirektem Sehen etwa 3-4° lang schätzen würde! Und der Ionenschweif kam im Fernglas (10×50) deutlich rüber, obwohl der Komet nur wenige Grad über dem Horizont stand. Im 25×100 wirkte der Schweif eindeutig gelblich. Meine beste Sichtung bisher. Wenn nur mal der Himmel staubfrei bleibt…

Selfie mit Komet, am 15. 07., abends.
Selfie mit Komet, am 15. 07., abends.

Der Stack (24 Einzelbilder zu je 15 Sekunden auf ISO 3200 f/4) meiner Aufnahmen mit 200mm Brennweite war wieder nicht leicht zu bearbeiten, besonders die Helligkeits- und Farbgradienten machen so nah am Horizont Probleme. Aber dafür zeigen die Schweife soviel Detail wie noch nie: Der Ionenschweif zeigt mit etwas gutem Willen Verknotungen, und vor allem im Staubschweif sind wunderschöne Streamer zu erkennen! Auch ist zu sehen, wie der Staubschweif auffächert. (Ich versuche mich vielleicht noch mal an einer besseren Version.)

C/2020 F3 NEOWISE am 15. 7., Stack aus 24 Einzelaufnahmen.
C/2020 F3 NEOWISE am 15. 7., Stack aus 24 Einzelaufnahmen.

Nachtrag, 16.7.: Da ich dank Saharastaub (in diesem Jahr fast Dauergast auf den Kanaren) mal wieder auf Kometenbeobachtungen verzichten muss, spiele ich noch mal mit den Aufnahmen vom 15.7. herum. Hier eine neue Version der obigen Aufnahme. Gut, andere kriegen das besser hin, dafür verzichte ich aber auch auf das einkopieren geklauter Daten (was man durchaus mal dazusagen sollte in der heutigen Zeit):

Neubaerbeitung des obigen Bilds vom 15.7. Wesentliche Unterschiede: Flats und eine aggressivere Hochpass-Schärfung.
Neubaerbeitung des obigen Bilds vom 15.7. Wesentliche Unterschiede: Flats und eine aggressivere Hochpass-Schärfung.

Nachtrag, 21.7.: Und wieder ist eine Calima-Pause vorbei; gestern konnte ich Komet Neowise endlich wieder sehen: Ich war so gebannt, dass ich den ISO-Wert an der Kamera falsch eingestellt ließ. Die Bildserie ist damit für die Tonne, aber wertvoller ist sowieso der visuelle Eindruck: Der Komet ist eine Pracht mit bloßem Auge und erst recht im 10×50-Fernglas! Höhere Vergrößerungen sind kaum mehr sinnvoll, denn schon mit dem Auge konnte ich den Staubschweif über mehr als acht Grad verfolgen. Im Fernglas sieht man auch den schmalen Ionenschweif. Inzwischen steht Neowise auch für mich bei Ende der Dämmerung noch knapp 20 Grad hoch, dass hilft ungemein bei der Sichtung. Die Koma des Kometen erschien mir ebenso hell wie der nahe Stern Theta UMa (3,15 mag).

Ist C/2020 F3 jetzt schon eine “großer” Komet oder nicht? Auf jeden Fall großartig, mal wieder so etwas sehen zu dürfen!

Nach meiner verhunzten Bildserie habe ich dann noch ein Bild mit dem 50mm-Objektiv gemacht. Der Ionenschweif ist darauf über mehr als 23 Grad zu verfolgen; er erstreckt sich quer durch den Großen Wagen! Der Staubschweif misst rund 20 Grad.

C/2020 F3 NEOWISE am Abend des 20. Juli 2020. 30 Sekunden mit 50mm, f/4 und ISO 6400.
C/2020 F3 NEOWISE am Abend des 20. Juli 2020. 30 Sekunden mit 50mm, f/4 und ISO 6400.

Auf dem invertierten Bild kommt das noch besser zu Geltung:

Invertierte und kontrastverstärkte Version des obigen Bilds.
Invertierte und kontrastverstärkte Version des obigen Bilds.

Komet Neowise mag langsam schwächer werden (das jedenfalls geben die Berichte derjenigen her, die neben Fotos auch Beobachtungsdaten liefern). Übermorgen (23. 7.) steht er aber in Erdnähe (Abstand: 104 Millionen Kilometer). Er dürfte dann noch etwas größer erscheinen als ohnehin schon.

Nachtrag, 23.7.: Irgendwie scheint sich verbreitet zu haben, dass der Komet “nur noch heute” am 23. 7. zu sehen sein soll, jedenfalls habe ich solche Anfragen bekommen. Das stimmt natürlich nicht: Neowise bleibt noch eine ganze Weile sichtbar, doch heute hat er seinen erdnächsten Bahnpunkt passiert (in sicherem Abstand von 104 Millionen Kilometern). Das heißt, er entfernt sich nun sowohl von der Sonne als auch der Erde, und wird daher nun zusehends schwächer und kleiner.

Dennoch hat die obige Aussage etwas Wahres an sich, denn in den kommenden Tagen wird der zunehmende Mond immer mehr stören, und wenn der nach Vollmond wieder vom Abendhimmel verschwunden ist, dürfte Neowise mit bloßem Auge nur noch schwer zu sehen sein, wenn überhaupt. Also, wer noch gucken will, sollte sich ranhalten!

Mein Rechner dampft übrigens gerade, er muss meine Bilder vom Dienstagabend bearbeiten. Das kann noch etwas dauern, denn ich möchte diese Bilder gerne bestmöglichst aufpeppen, bevor ich sie zeige. Dazu später (hoffentlich) mehr!

Am Tag der Erdnähe, 23.7.2020
Am Tag der Erdnähe, 23.7.2020

4 thoughts on “Endlich! Ein “richtiger” Komet! **Updates!**

  1. Andreas 2020-07-16 / 22:41

    Wo ist denn der Ionenschweif und wo der Staubschweif?
    Andreas

    • janhattenbach 2020-07-17 / 6:55

      Ich beziehe mich auf das gestackte Bild vom 15.7.!

      Der Staubschweif ist der weiße, breite, gebogene, der Ionen- oder Plasmaschweif der schmale, gerade und leicht blaue. Der Staubschweif besteht, wie der Name sagt, aus feinen Staubpartikeln. Der Ionenschweif besteht aus ionisierten, also elektrische Ladung tragende Atom- und Molekülrümpfe. Während auf den Staubschweif der Strahlungsdruck des Sonnenlichts wirkt, unterliegen die Ionen dem geladenen Sonnenwind und dem Magnetfeld, deshalb ist er genau von der Sonne weg gerichtet, während der Staubschweif träge ist und etwas hinter dem Kometen zurückfällt.

      Das weiße Licht des Staubschweifs ist übrigens reflektiertes Sonnenlicht, das blaue Licht des Ionenschweifs wird von den Ionen selbst produziert (Eigenleuchten der ebenfalls vom Sonnenlicht angeregten Moleküle).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.