Hallo Abendstern

Wer in diesen Wochen mal klaren Himmel hat und nicht total ignorant durch die Weltgeschichte stolpert, wird mit Sicherheit diesen hellen “Abendstern” am Himmel gesehen. Die Anführungsstriche sind berechtigt, denn es handelt sich nicht etwa um einen Stern, sondern um Venus, unseren inneren Nachbarplaneten. Venus zeigt sich in diesem Jahr so gut wie selten, und die beste Venus-Zeit steht sogar noch bevor!

Venus am Abendhimmel 2020. Das Bild entstand Ende Januar von La Palma aus. Das diffuse Licht um Venus herum ist das abendliche Zodiakallicht.
Venus am Abendhimmel 2020. Das Bild entstand Ende Januar von La Palma aus. Das diffuse Licht um Venus herum ist das abendliche Zodiakallicht.

Weil Venus innerhalb der Erdbahn um die Sonne kreist, entfernt sie sich am irdischen Himmel nie allzu weit von unserem Tagesgestirn. Sie ist also immer nur entweder nach Sonnenuntergang am Abend, oder vor Sonnenaufgang am Morgen zu sehen. Um Mitternacht sieht man sie nie[*], und wenn sie dicht neben der Sonne am Taghimmel steht, ist sie in aller Regel unsichtbar.

Den Winkelabstand zwischen Venus und Sonne nennt man Elongation, und die größte östliche Elongation, also den maximalen Winkelabstand östlich (also “links”) von der Sonne erreicht Venus am 24. März 2020. Sie steht dann 46,1 Grad neben der Sonne.

Zur Erklärung von Elongation und Konjunktion. Als innerer Planet kann Venus niemals in Opposition stehen. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Elongation_(Astronomie)#/media/Datei:Positional_astronomy_de.svg
Zur Erklärung von Elongation und Konjunktion. Als innerer Planet kann Venus niemals in Opposition stehen. (Quelle)

Aber die Elongation alleine bestimmt noch nicht, wie gut Venus am Himmel zu sehen ist. Es kommt auch auf die Lage der Ekliptik an, also der scheinbaren Bahn der Sonne (und in etwa auch der Planeten) in Bezug auf den Horizont.

Je steiler, je besser

Liegt die Ekliptik flach zum Horizont, nützt die größte Elongation nichts: der Planet steht tief am Himmel und geht bald nach der Sonne im Horizontdunst unter. Doch glücklicherweise steht die Ekliptik im Frühjahr abends steil zum Horizont. Da die diesjährige größte östliche Elongation in den Frühling fällt, steht Venus entsprechend hoch, wenn die Sonne untergeht, und ist lange zu sehen.

Die Ekliptik (orange Linie) steht Anfang April am Abend steil zum Westhorizont. Venus ist deshalb hoch am Himmel, wenn die Sonne unter gegangen ist. Bild erstellt mit Stellarium.
Die Ekliptik (orange Linie) steht Anfang April am Abend steil zum Westhorizont. Venus ist deshalb hoch am Himmel, wenn die Sonne unter gegangen ist. Bild erstellt mit Stellarium.

Außerdem hält sich Venus noch nördlich der Ekliptiklinie auf, was für uns Nordhimmelbewohner optimal ist. (Die Planeten stehen in der Regel nicht genau auf der Ekliptik, sondern um wenige Grad nördlich oder südlich davon.)

Ideal am Abendhimmel

So wird Venus also dieses Frühjahr nahezu optimal am Abend zu sehen sein. Sie erscheint schon in der Dämmerung und ist nach Sonnenuntergang mehrere Stunden zu sehen. Erst im Mai verabschiedet sie sich vom Abendhimmel und taucht nach ihrer unteren Konjunktion, während der sie zwischen Sonne und Erde steht, am Morgenhimmel auf.

Von La Palma aus steht die Ekliptik sogar noch steiler. Dieses Bild vom 2. Februar 2020 zeigt neben der hellen Venus auch Merkur, dicht über dem Horizont im Abendrot.
Von La Palma aus steht die Ekliptik sogar noch steiler. Dieses Bild vom 2. Februar 2020 zeigt neben der hellen Venus auch Merkur, dicht über dem Horizont im Abendrot.

Momentan (Anfang Februar) ist Venus rund -4,1mag hell. Das ist schon ganz ordentlich, aber sie wird noch heller. Ihren “größten Glanz” erreicht sie am 30. April; dann ist sie sogar -4,7mag hell – nur Sonne und Mond strahlen heller.

Bei sehr klarem Himmel ist es sogar möglich, Venus mit bloßem Auge am Taghimmel zu sehen: Das gelang mir Anfang Februar bei tief stehender Sonne am späten Nachmittag. Ich musste eine ganze Weile suchen, was schwierig war, da es am blauen Himmel nichts gibt, auf das sich die Augen akkomodieren können. Hat man aber erst einmal Venus erblickt, wundert man sich, wie leicht sie doch zu sehen ist!

Venus steht das ganze Frühjahr über ideal am Abendhimmel. Erst Ende Mai endet ihre Sichtbarkeitsphase. Das Diagramm zeigt die Horizonthöhe von Venus jeweils zum Beginn der bürgerlichen Dämmerung, wenn die Sonne sechs Grad unter den Horizont gesunken ist. Erstellt mit calsky.de
Venus steht das ganze Frühjahr über ideal am Abendhimmel. Erst Ende Mai endet ihre Sichtbarkeitsphase. Das Diagramm zeigt die Horizonthöhe von Venus jeweils zum Beginn der bürgerlichen Dämmerung, wenn die Sonne sechs Grad unter den Horizont gesunken ist. Erstellt mit calsky.com

Die maximale Helligkeit wird einen ganzen Monat nach der größten Elongation erreicht. Zwei Faktoren bestimmen, wie hell Venus erscheint: Ihr Abstand von der Erde und ihre Lichtphase, also der beleuchtete Anteil ihrer uns zugewandten Oberfläche. Venus reflektiert das Sonnenlicht, und hat dementsprechend eine beleuchtete und eine unbeleuchtete Seite.

Immer größer, immer schmaler

Bis zur Konjunktion am 3. Juni bewegt sich Venus auf ihrer Bahn zwischen Erde und Sonne, kommt uns also näher. Damit nimmt ihre Helligkeit erst einmal zu. Sie wendet uns aber auch einen immer kleineren Teil ihrer beleuchteten Oberfläche zu. Damit ergibt sich ein Helligkeitsmaximum Ende April. Danach kommt uns Venus zwar weiter näher, wendet uns aber zunehmend ihre dunkle Seite zu.

Veränderung der scheinbaren Größe der Venus von Anfang Februar (links) bis Anfang Mai (rechts) im Monatsabstand. Erstellt mit Stellarium.
Veränderung der scheinbaren Größe der Venus von Anfang Februar (links) bis Anfang Mai (rechts) im Monatsabstand. Erstellt mit Stellarium.

Wer ein Teleskop hat, kann verfolgen, wie Venus im Laufe der Wochen bis Ende Mai einerseits immer größer erscheint (weil sie auf uns zu kommt), andererseits immer mehr abnimmt, also zur schmalen Sichel wird.

Mit einem Programm wie Stellarium kann man sich das ganze auch prima am Bildschirm simulieren. Aber nichts geht über den echten Blick an den Himmel!

[*] Das stimmt so pauschal nicht: Mitte April geht sie gegen 23:45 MEZ unter, berücksichtigt man die “Sommerzeit”, sogar erst um 00:45!

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