Kein Aprilscherz: Chinas Himmelstempel Tiangong-1 fällt vom Himmel

Zuerst die Entwarnung: Über dem deutschsprachigen Raum wird sie definitiv nicht abstürzen, die chinesische Raumstation Tiangong-1. Denn die orbitale Bahn des 10,4 mal 3,4 Meter großen und etwa 8,5 Tonnen schweren “Himmelstempels” (so die Übersetzung von Tiangong) führt bis maximal 43° Nord. Deutschland, Österreich und die Schweiz sind damit “safe”. Runterkommen wird er aber auf jeden Fall. Genau wo und wann, das wird man erst kurz vorher wissen.

****Update, 02.04., 11:00 MESZ: Tiangong-1 ist also recht genau dort herunter gekommen, wo man sie auch bei einem kontrollierten Deorbit hingesteuert hätte: In den menschenleeren Pazifik. Ohne Augenzeugen und ohne aufsammelbare Trümmer. The End. Jetzt können wir uns alle wieder dem ganz normalen irdischen Wahnsinn zuwenden.

Letzter Orbit und Absturzort von Tiangong-1. Bild: spaceflight101.com
Letzter Orbit und Absturzort von Tiangong-1. Bild: spaceflight101.com

 

Auf spaceflight101.com gibt es eine Zusammenfassung des Absturzes nachzulesen. Ebenfalls nachlesenswert: Daniel Fischers Liveblog zum Tiangon-Absturz.

****Update, 02.04., 03:50 MESZ: Gerade aufgestanden, um den möglichen letzten Überflug nördlich der Kanaren zu sehen – doch zu spät: Tiangong-1 ist bereits gegen 02:16 MESZ über dem Pazifik abgestürzt. Die Seite space-track.org funktioniert zur Zeit nicht, vielleicht wegen zu vieler Anfragen?

****Update, 01.04., 23:45 MESZ: Tiangong-1’s letzter Orbit hat wahrscheinlich begonnen. Kommt die Station über unbewohntem Gebiet herunter (z.B. einem Ozean) wird es möglicherweise einige Stunden dauern, biss die Bestätigung des Absturzes vermeldet wird.

****Update, 01.04., 19:35 MESZ: Die letzten aktualisierten Vorhersagen (übersichtlich und auf neuesten Stand gebracht z.B. bei spaceflight101.com oder Skyweek 2.0) sind mittlerweile teilweise auf +/- 2 Stunden genau. Es wird wohl definitiv diese Nacht (UTC) zum Absturz kommen – und damit nicht über (West und Mittel-) Europa oder den USA (und auch wahrscheinlich nicht nördlich der Kanaren, wo ich nichtsdestotrotz mit Kamera im Anschlag warten werde).

Eine nette Simulation habe ich über Twitter gefunden:

Für ein letztes Radarbild von Tiangong-1 hat es heute auch noch gereicht:

****Update, 01.04., 17:45 MESZ: So langsam engt sich das Absturzfenster ein: Europa und die USA trifft es (aller Voraussicht) wohl nicht:

Ich hoffe allerdings noch auf einen etwas verspäteten Absturz nördlich der Kanaren morgen früh!

****Update, 01.04., 11:55 MESZ: Noch ist Tiangong im Orbit, aber es sieht so aus, als liefen die letzten 24 Stunden im Leben der Raumstation: Die ESA geht von einem Absturz zwischen Mitternacht bis zum frühen Morgen des 2. April (UTC) aus.  Ich denke nicht, dass die Vorhersagen noch viel genauer werden. Einen Überblick über die aktuellen Vorhersagen hat spaceflight101.com.

****Update, 31.03., 22:30 MESZ: Es wird wohl doch eher später 1. oder früher 2. April: Schuld ist die anhaltend geringe Sonnenaktivität. Auf La Palma stehen für mich drei Überflüge an: Am Morgen des 1. April 04:38 UTC (wohl zu früh), am Mittag des 1. April 10:48 UTC (am hellen Mittagshimmel, schwierig) und am Morgen des 2. April um 03:57 UTC. Werde mich auf die Lauer legen, wenn das Wetter mitspielt!

Daniel Fischer hat einen Liveblog zum Tiangong-Absturz gestartet.

****Update, 31.03., 18:20 MESZ: Wo ist Tiangong-1 jetzt gerade? Einfach heavens-above.com fragen!

Live-Groundtrack von Tiangong-1 (Screenshot) Quelle: heavens-above.com
Live-Groundtrack von Tiangong-1 (Screenshot) Quelle: heavens-above.com

****Update, 31.03., 18:00 MESZ: Frage: Kann man schon bestimmte Gebiete ausschließen, an denen Tiangon-1 nicht runterkommt? Antwort: Ja, alle Gebiete, die von den Linien in dieser Grafik mehr als ~70km entfernt liegen. Das lässt immer noch ganz schön viele mögliche Absturzorte zu, aber immerhin:

Bildquelle: Marco Langbroek, https://sattrackcam.blogspot.com
Bildquelle: Marco Langbroek, https://sattrackcam.blogspot.com

****Update, 31.03., 11:50 MESZ: Schon heute abend kann es soweit sein (ESA von gestern), Marco Langbroeks neuestes Update geht hingegen von einem Zeitraum zwischen morgen Mittag (1. April) und den Morgen des 2. April aus.

****Update, 30.03., 11:15 MESZ: Noch ein Blogbeitrag bei den Scilogs, diesmal von Michael Khan (ESA). Auf dem ESA-Blog gibts noch keinen Update, dafür bei Marco Langbroek (mit deutlich geschrumpften Unsicherheiten im Vergleich zum Vortag):

****Update, 29.03., 11:45 MESZ: Irgendwann zwischen dem Morgen des 31. März und dem Nachmittag des 1. April wird es wohl soweit sein. Die Fehlermarge liegt inzwischen bei unter einem Tag. Ebenfalls lesenswert: Eugen Reichelts Blog-Rant zur “Absturzhysterie um Tiangong-1”.

****Update, 28.03., 13:17 MESZ: Der erdnächste Punkt der Bahn liegt nun bei 190 Kilometer, Tendenz fallend mit mindestens 5 Kilometer pro Tag. Die neuesten Berechnungen zum Absturzzeitpunkt von Marco Langbroek (Zeitangaben dort in UTC, also MESZ-2h):

 

****Update 27.03. 17:40 MESZ: Als wahrscheinlichste Absturzzeit krisallisiert sich offenbar der 1. April, ± (max.) 2 Tage heraus. Das ist immer noch ein ziemlich weites Fenster. Zu weit, um auf einen genaueren Absturzort schließen zu können. Immerhin scheinen fünf unabhängige Modelle auf das gleiche Ergebnis zu deuten:

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Acht Tonnen schwer und 29000 Stundenkilometer schnell. Tiangong-1 wird Ende März oder Anfang April auf die Erde stürzen. Wissenschaftler des Fraunhofer FHR in Wachtberg bei Bonn beobachten die chinesische Raumstation bereits seit Wochen mit ihrem TIRA (Tracking and Imaging Radar) System, einem der leistungsfähigsten Radare zur Weltraumbeobachtung. BIld: Fraunhofer FHR
Acht Tonnen schwer und 29000 Stundenkilometer schnell: Tiangong-1 wird Ende März oder Anfang April auf die Erde stürzen. Wissenschaftler des Fraunhofer FHR in Wachtberg bei Bonn beobachten die chinesische Raumstation bereits seit Wochen mit ihrem TIRA (Tracking and Imaging Radar) System, einem der leistungsfähigsten Radare zur Weltraumbeobachtung. Bild: Fraunhofer FHR

Tiangong-1 war am 29. September 2011 gestartet worden. Sie war Chinas erste Raumstation. Insgesamt beherbergte sie zwei Besatzungen, ehe die chinesische Weltraumbehörde im März 2016  den Funkkontakt zur Station verlor. Beobachtungen vom Erdboden zeigten kurze Zeit später, dass die Sonde außer Kontrolle geraten war. Eine aus Radarbildern vom Fraunhofer FHR in Wachtberg bei Bonn zusammengestellte Animation zeigt das folgende Video:

 

Der ursprüngliche Plan, die Station kontrolliert über dem Pazifischen Ozean zum Absturz zu bringen (so wie es etwa die Russen mit der russischen Raumstation MIR gemacht hatten) war damit obsolet. Ohne Telemetrie kann man keine Zündung der Bremsraketen an Bord der Station einleiten. Oben bleiben kann Tiangong-1 aber auch nicht: Die in ihrer Orbithöhe von weniger als 300 Kilometern vorhandene Luftreibung sorgt dafür, dass die Station langsam in die Atmosphäre der Erde zurücksinkt. Irgendwann wird sie also abstürzen.

Der Orbit von Tiangong-1 nimmt kontinuierlich ab: Hier der Stand vom 26. März. Bild: ESA
Der Orbit von Tiangong-1 nimmt kontinuierlich ab: Hier der Stand vom 26. März. Bild: ESA

Wann genau das sein wird, und wo dieser Absturz stattfinden wird, dass weiss man allerdings bis zur vor dem Absturz nicht genau. Die Dichte der Atmosphäre in großer Höhe schwankt nämlich. Schuld ist die Sonne: Ist sie besonders aktiv, schickt sie zusätzliche Energie in die Erdatmosphäre, die sich als Reaktion darauf ausdehnt. Ein Satellit spürt dann einen größeren Reibungswiderstand und verliert schneller an Höhe. Satelliten in niedrigen Orbits müssen daher regelmäßig mit Raketentriebwerken wieder angehoben werden.

Das "Wiedereintrittsfenster" der Außer Kontrolle geratenen Raumstation schwankt aufgrund der wechselnden Sonnenaktivität und des damit wechselnden atmosphärischen "drags", wird aber mit zunehmendem Datum immer enger. Bild: ESA
Das “Wiedereintrittsfenster” der außer Kontrolle geratenen Raumstation schwankt aufgrund der wechselnden Sonnenaktivität und des damit wechselnden atmosphärischen Reibungswiderstands, wird aber mit zunehmendem Datum immer enger. Bild: ESA

Die Sonnenaktivität schwankt schnell und unvorhersehbar. Deshalb sind die Vorhersagen über den Absturzzeitpunkt und -ort von Tiangong-1 auf mehrere Tage ungenau. Die aktuelle Vorhersage der ESA geht von einem Zeitrum zwischen dem 30. März und dem 2. April aus. Diese Vorhersagen werden täglich verbessert. Auch der Satellitenexperte Marco Langbroek veröffentlicht in seinem Blog tägliche Updates seiner Berechungen.

Ungenau sind solche Berechnungen auch, weil China wesentliche Daten, etwa bezüglich der genauen Masse der Station, entweder nicht weiss oder nicht teilt. Daher wird man auch erst ganz zum Schluss wissen wo das Ding herunterkommt. Bei 8,5 Tonnen darf man davon ausgehen, dass der Himmelstempel nicht vollkommen verglüht. Eine Restmasse könnte also bis zum Erdboden gelangen, und damit auch auf bewohntes Gebiet treffen.

Auf der Karte ist der Bereich zwischen 42,8 Grad nördlicher und 42,8 Grad südlicher Breite grün eingefärbt. Dort könnte der Wiedereintritt von Tiangong-1 stattfinden. Das Diagramm links bildet die Bevölkerungsdichte ab. Bild: ESA
Auf der Karte ist der Bereich zwischen 42,8° nördlicher und 42,8° südlicher Breite grün eingefärbt. Dort könnte der Wiedereintritt von Tiangong-1 stattfinden. Das Diagramm links bildet die Bevölkerungsdichte ab. Rechts ist die Einschlagswahrscheinlichkeit nach geografischer Breite dargestellt. Sie ist an den Umkehrpunkten der Bahn größer. Bild: ESA

Treffen kann es jeden Ort zwischen 42,8° Nord und 42,8° Süd (Deutschland also nicht, s.o.). Die Wahrscheinlichkeit ist wegen der Bahngeometrie der Station entlang der Umkehrpunkte der Bahn etwas erhöht, also entlang von zwei Streifen, dessen nördlicher u.a. durch Spanien, Südfrankreich, Norditalien und den Balkan verläuft. Die Chance, von einem Stück Weltraumschrott getroffen zu werden, ist aber verschwindend gering. Sie beträgt etwa 1 zu einer Billion, wie Sky&Telescope schreibt.

Besser sind da die Chancen, Tiangong-1 noch einmal zu sehen. Entweder beim Absturz selbst – das wäre spektakulär, vergleichbar mit einem sehr hellen Meteor – oder in den Tagen vorher. Auf der Webseite Heaven’s Above kann man sich die letzten Überflüge für jeden Ort auf der Welt anzeigen lassen. Natürlich sind die genauen Zeiten wie auch die Überflugpfade aus den oben genannten Gründen mit Unsicherheiten behaftet.

Wie ein Wiedereintritt eines größeren Raumflugkörpers in die Erdatmosphäre aussehen kann, zeigt dieses Beispiel des europäischen ATV am 29. September 2008:

In Deutschland wird man Tiangong-1 wohl nicht mehr erhaschen. Aber dafür fällt sie dort auch ganz sicher niemandem auf den Kopf!

Eine ausführliche Sammlung von FAQ (auf Deutsch) bietet die ESA an!

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