Mars 2018 visuell: Ein Rückblick

Mars ist mein Lieblingsplanet. Auf keinem anderen kann man schließlich als Amateurastronom echte Oberflächendetails sehen: abschmelzende Polkappen, dunkle, wie Kontinente aussehende Gebiete und sogar Wolken und Staub in der Atmosphäre. Und mit “sehen” meine ich “live” am Teleskop – ohne digitalen Schnickschnack. Auf die vergangene Marsopposition im Sommer 2018 habe ich mich daher besonders gefreut.

Mars am 04.06.2018, 04:59 UT, ZM: 277°, Phase: 92%, D: 15,8", Newton 254mm, f/4,8, 300x
Mars am 04.06.2018, 04:59 UT, ZM: 277°, Phase: 92%, D: 15,8″, Newton 254mm, f/4,8, 300x

Seit 2003 war Mars der Erde schließlich nicht mehr so nah: Damals erreichte der Rote Planet einen Winkeldurchmesser von 25,1 Bogensekunden, 2018 waren es immerhin 24,3. Heutzutage spricht man in einem solchen Fall, so meine ich zu wissen, von einem “Supermars”.

Bei keinem Planeten kommt es in Sachen Beobachtung so sehr auf den richtigen Zeitpunkt an. Während Jupiter oder Saturn eigentlich immer etwas im Teleskop hermachen, macht eine Marsbeobachtung wirklich nur in den Wochen um die Opposition Sinn. Denn 25 Bogensekunden sind weniger als ein Sechzigstel eines Vollmonddurchmessers. Ist Mars der Erde nur ein wenig ferner, sinkt sein scheinbarer Durchmesser nochmals deutlich. Und nur bei einer besonders erdnahen Opposition werden Werte über 24″ überhaupt erreicht – das ist nur alle 15 Jahre der Fall.

Meine erste Beobachtung des Jahres 2018 datiert auf den 04. Juni. Mars stand zu diesem Zeitpunkt noch am frühen Morgenhimmel, war zu 92 Prozent beleuchtet und erschien erst 15,8 Bogensekunden groß. Dennoch zeigt meine Skizze schon alle zu erhoffenden Details: Eine leuchtend weiße südliche Polkappe, sowie die dunklen Gebiete von Syrtis Major (der auffälligsten Albedostruktur) und vom Mare Tyrrhenum. Das Hellasbecken nördlich der großen Syrte war Anfang Juni eher unauffällig.

Mars rotiert in 24 Stunden und 37 Minuten Stunden um seine Achse, ein wenig langsamer als die Erde. Deshalb sieht man als ortsfester Beobachter auf der Erde zur jeweils gleichen Stunde an aufeinanderfolgenden Nächten immer die fast gleiche Seite des Nachbarplaneten – plus ein paar grad Versatz. Nach ein paar Wochen wiederholt sich das Spiel. Während meiner Beobachtungsperiode 2018, die von Juni bis September dauerte, konnte ich z. B. die Region um den Zentralmeridian 300, also das Gebiet um die große Syrte, drei Mal beobachten – mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Mars am 08.06.2018, 03:20 UT, ZM: 203°, Phase: 92%, D: 16,5", Newton 400mm, f/4,3, 430x
Mars am 08.06.2018, 03:20 UT, ZM: 203°, Phase: 92%, D: 16,5″, Newton 400mm, f/4,3, 430x

Am 08. Juni, sah Mars gegen 03:15 UT anders aus. Die Syrtis Major war außer Sicht rotiert, statt dessen stachen die Mare Tyrrhenum und Mare Cimmerium hervor, die ich durch einen hellen “Korridor” getrennt sah. Die Polkappe war wie zuvor hell und groß, zusätzlich erkannte ich in den hellen nördlichen Gefilden um Elysium Terra einige dunkle Flecken, die ich aber nicht ganz zuordnen konnte. Mit 16,5″ war Mars schon wieder ein Stückchen angewachsen.

Was mochte erst möglich sein, wenn sich Mars seinem Winkeldurchmesser nähern würde? Bis zur Opposition am 27. Juli waren es ja immerhin noch gut 1,5 Monate! Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte: Die Skizze vom 8.6. sollte mein letzter ungestörter Blick auf den Mars gewesen sein!

Mitte Juni nämlich entwickelte sich auf der Südhemisphäre ein Staubsturm, der in den darauf folgenden Wochen zu einem globalen Phänomen anwachsen sollte und nicht zuletzt dem amerikanischen Fahrzeug “Opportunity” das Leben kosten sollte. Mars hat eine im Vergleich zur Erde extrem dünne Atmosphäre, in der sich lokale Stürme leicht ausdehnen können. Vor allem wenn der Planet, wie im Sommer 2018, der Sonne besonders nahe kommt.

Mars am 20.06.2018, 04:05 UT, ZM: 103°, Phase: 94%, D: 18,8", Newton 254mm, f/4,8, 300x
Mars am 20.06.2018, 04:05 UT, ZM: 103°, Phase: 94%, D: 18,8″, Newton 254mm, f/4,8, 300x

Meinen ersten Eindruck vom Staubsturm bekam ich am 20. Juni um 04:00 UT. Die bis dahin strahlend weiße Polkappe zeigte sich auf einmel in einem dezenten Gelbton. Mare Sirenum erschien wie alle anderen dunklen Albedostrukturen “ausgewaschen”. Mare Acidalium, das eigentlich später am nordöstlichen Rand hätte erscheinen müssen, konnte ich erst gar nicht wahrnehmen.

In den folgenden Wochen unternahm ich zwar etliche Versuche, dem Mars doch noch einige Details zu entlocken, doch Zeichnungen entstanden dabei kaum. Den Grund mag man in dem Beispiel vom 6. Juli sehen: Obwohl es die Region um den Zentralmeridian 320 zeigt, und damit eine ähnliche Gegend wie das Bild vom 4. Juni, sieht man außer einer geschrumpften Polkappe und einer leichten Verdunklung nördlich davon – nichts. Keine große Syrte, kein Mare Tyrrhenum, kein Hellas-Becken. Der Staubsturm hatte alle Details verschluckt.

Mars am 06.07.2018, 04:20 UT, ZM: 320°, Phase: 98%, D: 21,8", Newton 254mm, f/4,8, 324x
Mars am 06.07.2018, 04:20 UT, ZM: 320°, Phase: 98%, D: 21,8″, Newton 254mm, f/4,8, 324x

Hinzu kam noch ein weiteres Problem. Obwohl ich alle meine Beobachtungen auf der Kanareninsel La Palma durchführte, und das teilweise auf über 2000 Meter Meereshöhe, war das Seeing, also die Luftruhe der irdischen Atmosphäre, fast den ganzen Sommer über schlecht. Nur in wenigen war das Seeing überhaupt brauchbar. Sowohl irdische als auch marsianische Atmosphäre waren alles andere als kooperativ.

Am Tag der Opposition war das Seeing so schlecht, dass ich gar keine Zeichnung versuchte. Am 29. Juli ging es einigermaßen. Das Resultat zeigt einen weiterhin vom Staub eingehüllten Mars, wenn ich auch den Eindruck hatte, dass der Staubsturm langsam nachzulassen schien. Interessanterweise waren neben der südlichen Polkappe und der eigentlich durchgängig sichtbaren Aufhellung am Nordrand des Planeten zwei weitere helle Zonen sichtbar: Argyre und Solis Lacus. Beide leuchteten in einem hellen Gelb, dass sich von dem dunkleren Orange des restlichen Planeten abhob. Hatte sich hier Sand aus dem Sturm abgelagert?

Mars am 29.07.2018, 00:10 UT, ZM: 55°, Phase: 100%, D: 24,3", Newton 400mm, f/4,3, 292x
Mars am 29.07.2018, 00:10 UT, ZM: 55°, Phase: 100%, D: 24,3″, Newton 400mm, f/4,3, 292x

Tatsächlich legte sich der Sturm im Laufe des August. Dennoch blieben meine Versuche, feinere Details auf dem Planeten als nur die großen Mare und Ebenen zu erkennen (so, wie es mir 2003 schon mal gelungen war) erfolglos. Mars blieb die orange, verwaschene und weitgehend detailfreie Scheibe, die er auch im Juli war. Irgendwo musste der Staub ja heruntergekommen sein – warum nicht gleich auf dem ganzen Planeten?

Immerhin konnte ich am 10. August mal wieder die Syrtis Major sehen – Anfang Juli war das ein Ding der Unmöglichkeit. Das Hellasbecken war heller geworden, die Polkappe jahreszeitengerecht geschrumpft.

Mars am 10.08.2018, 00:10 UT, ZM: 308°, Phase: 99%, D: 23,9", Newton 254mm, f/4,8, 250x
Mars am 10.08.2018, 00:10 UT, ZM: 308°, Phase: 99%, D: 23,9″, Newton 254mm, f/4,8, 250x

Anfang September hatte dann – endlich – hatte auch die Luft über La Palma ein Einsehen. Mars zeigte sein bestes Bild des gesamten Jahres. Leider blieb mir da keine Zeit für Zeichnungen. Die Teilnehmer der Leserreise von “Sterne und Weltraum”, die ich Anfang September betreute, hatten jedenfalls keine Probleme, Details auf dem sich wieder entfernenden Nachbarplaneten zu erkennen. Für viele war es das erste Mal. Was wäre wohl einen Monat früher unter solchen Umständen möglich gewesen?

Fazit: Die Marsopposition war zumindest für visuelle Beobachter kein Festival. Feine Details waren Fehlanzeige. Trotz gestiegener Beobachtungserfahrung und (auf dem Papier) besseren Beobachtungsbedingungen habe ich nichts gesehen, was ich nicht schon vor 15 Jahren “entdeckt” hatte. Dafür durfte ich Zeuge eines globalen Staubsturms sein. Ein schwacher Trost, denn die Eigenschaften eines solchen hatte man nach einem Abend verstanden. Mars bleibt eben ein schwieriges Beobachtungssziel. Aber auch das macht ihn interessant.

2 thoughts on “Mars 2018 visuell: Ein Rückblick

  1. Thomas Schiffer 2018-10-24 / 17:26

    Hallo Jan,
    auch mit digitalem Schnickschnack hat diese Opposition im mittleren Westen Deutschlands, keinen vom Hocker gehauen. Subjektiv erschien er mir zeitweise (ohne Teleskop) visuell sehr prägnant am
    Abendhimmel in einem kräftigen rot orange. Dies mag aber auch seinem tiefen Stand geschuldet sein. Skizzen sind für mich immer wieder beeindruckend und ein Spiegelbild der Leistung unseres Gehirns. Noch spannender für mich sind Skizzen von Schiaparelli die ich in alter Literatur gefunden habe…werde diese mal online stellen…
    Vielen Dank für Deinen Bericht und die vielen nächtlichen Stunden
    Beste Grüße und CS, Thomas

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