Meine persönliche Monocerotiden-Enttäuschung

Der Kampf dauerte weniger als fünf Minuten. Wenn der Wecker um kurz vor drei Uhr Morgens klingelt, darf man auch vom enthusiastischsten Amateurastronomen keine Luftsprünge erwarten. Ich gebe gerne zu, dass ich mich mehr als einmal in ähnlichen Situationen für das warme Bett und gegen den bestirnten Himmel über mir entschieden habe. Dieses Mal aber siegte der Himmel. Schließlich war ein Meteor-Feuerwerk angekündigt, ein Sternschnuppen-Sturm, ein himmlisches Spektakel: der Ausbruch der Alpha-Monocerotiden.

Noch eine Enttäuschung: Der hellste Meteor auf meinen Bildern ist nicht mal ein AMO, sondern irgendein dahergelaufener Dreckklumpen!
Noch eine Enttäuschung: Der hellste Meteor auf meinen Bildern ist nicht mal ein AMO, sondern irgendein dahergelaufener Dreckklumpen!

Letzterer Satz ist natürlich ausgemachter Quatsch. Wer diesen Blog hier schon länger liest, weiß, dass ich die maßlose Übertreiberitis, nicht nur astronomische Ereignisse betreffend, ausgelöst von Teilen der Pressewelt und verbreitet durch das, was wir soziale Medien nennen, im besten Fall belustigend, im schlechtesten für einen Hobbykiller halte. Das Wecken völlig unrealistischer Erwartungen im Monatsabstand und die daraus resultierende unweigerliche Enttäuschung sind genau das Gegenteil von hilfreich, wenn man Menschen für die Naturwissenschaften im Allgemeinen und die Astronomie im speziellen begeistern will.

Glücklicherweise ist das Internet groß. Wer sich zu einer der seriösen Quellen durchgearbeitet hatte, wusste, dass das, was tatsächlich vorhergesagt war, das frühe Aufstehen allemal wert war. Für einen kurzen Zeitraum, vielleicht 15 Minuten, vielleicht weniger, sollte es einen kurzen, aber heftigen oder zumindest wahrnehmbaren Aktivitätsausbruch der Alpha-Monocerotiden (Kürzel AMO) geben. Wer von diesem Meteorstrom bislang noch nichts gehört hatte, braucht sich nicht schämen. Normalerweise ist er nicht der Rede wert.

AMO und Nicht-AMO: Der Radiant der AMO liegt nahe des hellen Sterns Prokyon.
AMO und Nicht-AMO: Der Radiant der AMO liegt nahe des hellen Sterns Prokyon.

Der Zeitraum eines solchen Ausbruchs lässt sich heute auf Minuten genau vorhersagen, die Prognose der zu erwartenden Meteorrate ist dagegen notorisch unsicher.  Astronomen kennen nämlich die Lage der von den verschiedenen Kometen im Sonnensystem hinterlassenen Staubgürtel zwar recht genau, nicht aber die Dichte und Größe der darin verteilten Staubpartikel. Sie wissen also, wann man gucken muss, nicht aber, was genau passieren wird.

Technische Probleme und vertikale Wolken

Weil man für die Meteorbeobachtung überdies kein teures Equipment braucht, sondern nur ein Paar funktionierende Augen und klaren, dunklen Himmel, können Hobbysterngucker hier noch echte wissenschaftliche Arbeit leisten: Einfach die Zahl der Sternschnuppen über die Zeit aufschreiben und an die Profis von der IMO schicken.

Also frisch ans Werk! Mein erster Plan war, den Schnuppenstrom mit einer Videokamera aufzuzeichnen. Das ist nicht nur objektiver als das fehlerbehaftete visuell-kortikale Datenaquisitionssystem eines übermüdeten Astronomen, sondern liefert auch grafisches Material für die schöne neue soziale Medienwelt. Leider hatten die Wolken über meinem Haus etwas dagegen. Das natürlich erst, als der Elektronikkrempel einsatzbereit aufgebaut war. Leider hatte ich nur dort, also am Haus, den unbedingt für den Betrieb des Laptops nötigen Netzstrom. Es half nichts: Elektronikkrempel wieder in die Garage, und rein ins Auto.

Glücklicherweise steht mein derzeitiges Domizil auf La Palma. Die Insel verfügt wie kaum eine andere über die nötige Vertikalität, um in ein paar Minuten und nach ein paar Kilometern auf die nötigen Höhenmeter zu gelangen, von denen man sich die Wolken von oben ansehen kann. Am Morgen des 22. November 2019 lauteten die entscheiden Wolken-Ausweich-Parameter: 17 Minuten, sieben Kilometer und 1064 Meter über Normal-Null. Et voilà, über mir nur noch Sterne, Milchstraße und ein bisschen Mond.

Knapp eine halbe Stunde vor dem vorhergesagten Maximum um 04:50 Uhr lokaler Zeit begann ich mit den Zählungen. Zu sehen war erst mal nichts. Erst nach ein paar Minuten zeigte sich ein erster, schwacher AMO-Meteor. Er schien am Himmel aus der Nähe des hellen Sterns Prokyon zu kommen. Dort, im Sternbild Monoceros (Einhorn auf Latein), liegt der AMO-Radiant, also der Punkt am Himmel, aus denen die Meteore des Stroms zu stammen scheinen.

Es geht los…

Nach ein paar Minuten dann noch ein AMO, dann gleich zwei innerhalb von drei Minuten. Wieder alle sehr schwach – bei hellem Himmel hätte man sie sicher leicht übersehen. Ich versuchte, den Mond im Osten aus dem Blickfeld zu halten während ich mich leise verfluchte, keinen Liegestuhl eingepackt zu haben. Der Nacken schmerzt noch immer leicht beim Schreiben dieser Zeilen.

Ein Nebelbogen im Mondlicht
Ein Nebelbogen im Mondlicht

Ein Finger greift zwischendurch immer wieder zum Auslöser meiner Kamera, denn natürlich lag der Kameratimer ebenfalls sicher daheim. Die Uhr schritt voran, und schon bald war der vorhergesagte Maximumszeitpunkt erreicht. Ich zählte 2 AMOs von 04:47 bis 04:50 Uhr, dann 3 von 04:50 bis 04:53 Uhr. Das war doch weit weniger als erhofft.

Doch dann, kurz nach 04:53, zischen in weniger als 180 Sekunden ganze sechs Meteore über den Himmel, allesamt AMOs. Für einen kurzen Moment hatte man wirklich den Eindruck eines wahrhaftigen Meteorstroms! Hätte ich in diesem Moment geblinzelt – ich hätte ihn verpasst.

Nebel im Mondlicht

Glück war auch dabei. Nur ein paar Minuten später zog eine Nebelbank über mich hinweg und erzwang eine Beobachtungspause. Ich war nicht traurig. Neben der willkommenen Entspannung für meinen Nacken nahm ich die Gelegenheit wahr, einen wunderhübschen Mond-Nebelbogen zu fotografieren. Die AMO-Aktivität war inzwischen auf unter einen Meteor pro Dreiminutenintervall zurückgegangen. Ich wartete noch bis kurz nach halb fünf, dann machte ich mich auf den Heimweg. 28 AMOs und 8 nicht zum Strom gehörige Meteore standen am Ende auf meinem Beobachtungszettel.

Das Resultat der AMO-Beobachtungen weltweit entsprechen meinem eigenen: Der Ausbruch hat ziemlich genau zum vorausberechneten Zeitpunkt stattgefunden, und die maximale Fallrate lag unter dem vermuteten Maximalwert von 400 pro Stunde (während der maximalen 10 Minuten).

Statt des von Experten nie angekündigten Meteorsturms gab es genau das, was Experten angekündigt hatten. Ein erhöhte Aktivität zum vorausberechneten Zeitpunkt. Als Bonus musste ich auch noch eine gute Stunde unter einem atemberaubenden Sternenhimmel in der Natur zubringen und einen Nebelbogen im Mondlicht ertragen. Entsprechend enttäuscht und verärgert ging ich wieder ins Bett.

3 thoughts on “Meine persönliche Monocerotiden-Enttäuschung

  1. Andreas Schnabel 2019-11-25 / 11:59

    Danke für diesen Bericht Jan. Ich wurde in diversen Astronomie Facebook-Gruppen schon verflucht als ich tatsächlich meinte, dass es keinen METEORSTURM!!! i.e.S. geben solle und das Artikel auf diversen „Wissenschaftsportalen“ Fakenews sind. Aufgrund des niedrigen Radiantenstandes in Mitteleuropa und dem aufgehellten Himmel (Mond, Dämmerung), schätzte ich die Meteorzahl auf gerade einmal 1-3 Sternschnuppen pro Minute. Also tatsächlich kein Sturm eher ein laues Lüftchen.

    Man erinnere sich an den Meteorsturm der Leoniden 1833. 😉

    • janhattenbach 2019-11-25 / 12:19

      Was ist eigentlich genau ein “Meteorsturm”? Auf leoniden.net steht z.B. “Ein extrem starker METEORSCHAUER mit einer ZHR über 1000 wird als Meteorsturm bezeichnet. Solche Ereignisse sind für einen bestimmten Beobachtungsort außerordentlich selten. In den letzten Jahrzehnten hat außer den LEONIDEN (1966, 1999, 2001 und 2002) kein anderer METEORSTROM einen Meteorsturm hervorgebracht.” In diesem Sinne braucht man dieses Wort eigentlich gar nicht mehr zu verwenden, denn wann es das nächste Mal zu so einem “Sturm” kommt, steht in den Sternen…

  2. Karl-Heinz van Heek 2019-11-26 / 14:23

    Hallo Jan,
    danke für diesen tollen Bericht und deinem Einsatz! Hier vor Ort hätte man eh nichts sehen können, umso erfreulicher zu hören, das es eh nicht so dolle wahr 🙂
    Aber, deine Aufnahme vom Mond-Nebelbogen ist einfach nur schön!! Was für ein Himmel!
    Besten Dank und liebe Grüße ais Aachen
    Kalle

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