Messier-Zeichnen extrem, oder: Ein Rennen gegen den Saharastaub

Beim Schreiben dieser Zeilen ächzen die kanarischen Inseln unter dem schlimmsten “Calima” der letzten 20 Jahre. In Anbetracht der vielfältigen Schäden auch auf La Palma, vor allem wegen des Sturms heute morgen, ist das abrupte Ende unserer Beobachtungstätigkeiten nicht der Rede wert. Und immerhin haben wir dem Wetter bis zur allerletzten Minute getrotzt und unser gestecktes Minimalziel erreicht. Aber der Reihe nach.

Messierobjekte zeichnen auf La Palma (hier noch bei klarem Himmel!)
Messierobjekte zeichnen auf La Palma (hier noch bei klarem Himmel!)

Beim gegenwärtigen Wetter in Deutschland lägen die Chancen, alle 110 Objekte für den neuen Messier-Guide in diesem Jahr neu zu zeichnen, nahe bei Null, schrieb mir Ronald Stoyan vor etwas über einer Woche. Ein einwöchiger Kurztrip nach La Palma wäre die Lösung. Klar, meinte ich. Bis zur geplanten Ankunft dürfte auch der Himmel wieder mitspielen. Calima Nummer 4 des noch ziemlich jungen Jahres sollte bis dahin wieder abgeklungen sein.

Der neue Messier-Guide von Oculum wird alle Messierobjekte mit übersichtlichen Beschreibungen, Aufsuchkarten und natürlich Zeichnungen enthalten. (Bild: Oculum)
Der neue Messier-Guide von Oculum wird alle Messierobjekte mit übersichtlichen Beschreibungen, Aufsuchkarten und natürlich Zeichnungen enthalten. (Bild: Oculum)

Ich bin noch nicht lange genug auf der Insel, um mir eine wirkliche Meinung zu bilden. Aber eindeutig ist, dass die Calima-Episoden – darunter versteht man den plötzlich für einige Tage aus der Sahara wehenden, heißen und mit mehr oder weniger viel Staub beladenen, mehr oder weniger stürmischen Wind, heute häufiger sind, als in der Vergangenheit. Ein paar Mal im Jahr, vor allem im Sommer kämen sie vor, hatte man mir mal gesagt. Jetzt sind wir also mitten in Calima Nummer 5, und es ist gerade einmal der 23. Februar. Und Nummer 5 sei, wie die Zeitungen schreiben, immerhin der stärkste seit 2002.

Satellitenaufnahme vom 22. Februar. Einen so staubreichen Calima habe ich in meinen drei Jahren auf den Kanaren noch nicht erlebt.
Satellitenaufnahme vom 22. Februar. Einen so staubreichen Calima habe ich in meinen drei Jahren auf den Kanaren noch nicht erlebt.

Das war noch nicht zu ahnen, als Ronald vor ein paar Tagen ankam. Doch die Vorhersagen wiesen bereits darauf hin, dass wir und ranhalten müssen: Drei klare, staubfreie Nächte sollten wir haben, dann sollte es wieder losgehen mit dem Saharastaub. Also legten wir – bzw. vor allem der Zeichner Ronald – los. Ich leistete logistische Unterstützung und erfreute mich derweil mit  entspanntem Beobachten.

Am späten Nachmittag erreichte der Sand auch La Palma. Bild: sat24.com
Am späten Nachmittag erreichte der Sand auch La Palma. Bild: sat24.com

Zuerst machten uns Wolken und Tau zu schaffen. Beides nahm aber glücklicherweise nicht überhand, so dass wir im Beobachtungsprogramm gut vorankamen. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass das Messierobjekte Beobachten und das Zeichnen grundverschiedene Anforderungen an die Konzentrationsfähigkeit stellen. Insbesondere wenn es sich um Sternhaufen mit Dutzenden oder sogar Hunderten einzelner Sterne handelt. Und die Zeichnung auch noch vorzeigbar sein sollte.

Eigentlich wussten wir das schon vorher. Nur testeten wir nun die maximale Belastbarkeit eines Beobachters, denn die Vorhersagen wurden immer besorgniserregender. Ein Calima geradezu biblischer Ausmaße wurde da angekündigt. Das war am Ende unserer “letzten” Nacht kaum zu glauben. Der Himmel war geradezu perfekt, Sterne jenseits der 7 mag sogar für mich problemlos zu erkennen. Gutes Seeing, kein Wind, kein Tau, angenehme Temperaturen auf 1100 Metern Höhe. Warum kann das nicht noch zwei, drei Nächte so bleiben?!

Meerblick mit Sonne (links) am Sonntagnachmittag
Meerblick mit Sonne (links) am Sonntagnachmittag

Immerhin war das Minimalziel von Ronalds Aufenthalt erreicht, 31 Messierobjekte gezeichnet, insbesondere die bald verblassenden Winterobjekte. Es fehlten allerdings noch M 36 und M 38, zwei zeichenintensive offene Sternhaufen im Fuhrmann. Vielleicht dürften wir wenigsten um eine oder zwei Stunden am darauffolgenden Abend hoffen?

Wir durften. Weil La Palma die nordwestlichste Insel der Kanaren ist, kam der Staub bei uns zuletzt an. So verfolgten wir am Nachmittag die Bilder vom Weltuntergang auf Fuertevenura, Lanzarote, und später Gran Canaria und Teneriffa, bauten aber dennoch den Dobson bei klarem Himmel auf.

Weit gefährlicher als der Staub war der teils mit 120 km/h blasende Wind. Zeitungsberichten zufolge beschädigte er sogar eines der beiden MAGIC-Teleskope, wie man auf der Webcam auch sehen konnte!
Weit gefährlicher als der Staub war der teils mit 120 km/h blasende Wind. Zeitungsberichten zufolge beschädigte er sogar eines der beiden MAGIC-Teleskope, wie man auf der Webcam auch sehen konnte!

Es wurde ein Wettrennen gegen die Zeit. Eine Stunde pro Objekt kalkulierte Ronald, und ich beim Blick auf den Satellitenfilm ziemlich genau die gleich Zeit bis zur Ankunft der Staubwolke. Während Ronald also Stern für Stern an die akkurate Position seiner Zeichnung positionierte, verfolgte ich mit dem Fernglas, wie Stern für Stern am Himmel im Saharastaub verblasste. Es war ein beeindruckendes, aber irgendwie auch beängstigendes Schauspiel.

Um Punkt 22 Uhr lokaler Zeit war es dann vorbei mit Deep-Sky. Nur noch die hellsten paar Dutzend Sterne schafften es durch den Staub. Aber auch die letzten beiden Messierobjekte des Winterhimmels waren im Kasten, das Beobachtungsziel erreicht!

Nach dieser etwas intensiven Woche ist Ronald zuversichtlich, sein Buch wie geplant bis zum Jahresende fertig stellen zu können. Wer den Messier-Guide am Jahresende in Händen halten möchte, sollte jetzt vorbestellen, denn das Projekt wird nur realisiert, wenn genügend Bestellungen auf Startnext.com zusammenkommen!

 

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