“Unsere Berge sind nicht heilig” – kommt das Thirty Meter Telescope doch nach La Palma?

Die anhaltenden, wohlorganisierten und zivilisierten Proteste auf Hawaii und das zögerliche Vorgehen der Staatsgewalt lassen es zunehmend unwahrscheinlich erscheinen, dass das “Thirty Meter Telescope” (TMT) auf dem 4200 Meter hohen Berg Mauna Kea jemals Wirklichkeit wird. Das rückt den “Plan B” wieder in den Fokus: die Kanareninsel La Palma. Doch auch hier regt sich (zarter) Widerstand gegen das Projekt.

Wird das TMT überhaupt je gebaut? Wenn ja, wo? Bild: TMT Observatory Corporation

Da sah doch alles so gut aus: Nach Protesten, fünfjährigem Baustopp, öffentlichen Anhörungen,  neuerlichen Genehmigungsverfahren und Gerichtsverhandlungen hatte das TMT alles, was es brauchte für den Bau auf Hawaiis höchstem (und für mache Hawaiianer “heiligen”) Berg Mauna Kea: gerichtsfeste Bau- und Betriebsgenehmigungen und dazu noch eine angebliche Zustimmung von 70 Prozent der Bevölkerung.

Man musste aber schon ziemlich naiv sein, um zu glauben, dass sich die gar nicht so kleine und lautstarke Gegnerschaft des 1,2 Milliarden-Euro-Projekts von bedrucktem Papier beeindrucken ließe. Und so ist die Zufahrt zum Berg und seinen Observatorien sein nunmehr einem Monat blockiert. Sehr zum Frust der Astronomen, die teilweise nicht mehr zu ihren Arbeitsplätzen kommen.

Schon jetzt ist der 4200m hohe Mauna Kea auf Hawaii mit Teleskopen übersät. Ein weiteres geht manchen Hawaiianern zu weit.

Und es sieht nicht so aus, als würde sich der Protest so schnell von alleine auflösen, auch wenn das die Hoffnung der hawaiianischen Behörden zu sein scheint. Der Versuch des Gouverneur des US-Bundesstaates David Ige, das Protestcamp als Alkohol- und Drogenpfuhl zu diskreditieren und den “Notstand” auszurufen (und wenig später zurückzurufen), machte die Hilflosigkeit der Behörden nur umso deutlicher. Ich teile die Einschätzung dieses Kommentators, dass eine gewaltsame Räumung der Zufahrtsstraße sehr unwahrscheinlich ist. Wenn aber die selbsternannten “Protektoren” nicht freiwillig gehen – wie soll das TMT dann je auf dem Mauna Kea gebaut werden?

Gar nicht – könnte die Antwort lauten. Dann eben auf La Palma.

Die Kanareninsel bietet sich schließlich seit Jahren als Alternativstandort an. “Unsere Berge sind nicht heilig,” ließ nun der Direktor des Instituto de Astrofísica de Canarias (IAC), Rafael Rebolo, laut der Webseite civilbeat.org gegenüber Associated Press verlauten. Das TMT-Konsortium habe Ende Juli denn auch, so heißt es, um eine Baugenehmigung gebeten. Bis Ende September könnten sie sie haben, heißt es weiter.

Allerdings konnte man vor einiger Zeit bereits lesen, dass man in Spanien schon “bereit” sei für das TMT. So ganz stimmte das aber wohl nicht. Leider hatten die Autoritäten nämlich vergessen, ein Umweltgutachten einzuholen. Beziehungsweise waren der Meinung, dass ein solches nicht notwendig sein für ein 18-stöckiges Gebäude in einem Naturschutzgebiet. Ein Gericht musste sie erst daran erinnern, weswegen das Verfahren sich doch noch etwas in die Länge zieht.

Auf La Palma regt sich bislang noch kein spürbarer Widerstand gegen neue Teleskope – außer von Seiten einer spanischen Umweltgruppe.

Das Gericht angerufen hat eine Umweltschutzorganisation namens “Ben Magec-Ecologistas en Acción“. Diese ist schon einmal in Zusammenhang mit den Observatorien auf dem Roque de los Muchachos (La Palmas höchstem aber nicht heiligen Berg) in Erscheinung getreten. Ben Magec klagte erfolglos gegen die Installation von insgesamt 19 Teleskopen des Cherenkov Telescope Array (CTA), dessen nördliche Station derzeit auf dem Roque entsteht.

“Nos oponemos a cualquier otro uso en la zona dedicado a más infraestructuras astronómicas, creemos que ya está bien”, asegura Batista, quien no obstante afirma que podría ocuparse el espacio que dejaran otros telescopios desmantelados. “No es un rechazo a la ciencia, hay unas normas que cumplir”, insiste. Ben Magec, que apoya las protestas hawaianas contra el TMT, no ha pensado todavía en posibles movilizaciones: “Vamos a seguir recurriendo en los tribunales. No sé si nos pondríamos delante de los camiones [como en Hawái] si llegaran a conseguir todos los permisos”. Quelle: El País

“Wir wehren uns gegen jede weitere Nutzung des Gebietes durch noch mehr astronomische Infrastrukturen, wir denken, dass es genug ist,”, zitiert die spanische Zeitung El País Pablo Batista, den Sprecher von Ben Magec auf La Palma. Reden könne man eventuell dann über neue Installationen, wenn dafür ältere Teleskope abgebaut würden – eine Strategie, mit der man die Proteste auf Hawaii einige Zeit beruhigen konnte. “Das ist keine Ablehnung der Wissenschaft, aber es gelten Regeln,” so Batista weiter.

“Heilig” mag der Roque de los Muchachos zwar nicht sein, aber eben doch eine einzigartige Naturlandschaft, die nicht nur der Astronomie zu dienen habe. Die Aktivisten von Ben Magec sind der Meinung, dass der Berg seine Kapazität für Teleskope erreicht habe.

Si insisten en obtener autorización para construir el TMT en esta área legalmente protegida en La Palma, cada paso conducirá a acciones legales adicionales por nuestra parte”. “No tenemos menos razón ni menos determinación que los hawaianos contrarios al TMT. Quelle: El País

Wird es möglicherweise auch auf La Palma zu Protesten kommen, wenn das TMT seine Baufahrzeuge in Richtung Roque in Bewegung setzt? Bisher sieht es vor Ort nicht danach aus – eine kohärente Protestbewegung, unterfüttert durch die Ablehnung eines jahrzehntenlangen Kolonialismus wie auf Hawaii gibt es auf den Kanaren nicht. Und auch wenn Ben Magec die Proteste auf Hawaii zumindest ideell unterstütze, plane man bisher noch keine Demonstrationen, so Batista, Aber “jeder Versuch, das TMT auf La Palmas gesetzlich geschützem Areal  zu bauen, wird von unserer Seite zu rechtlichen Schritten führen. Wir sind nicht minder im Recht noch sind wir weniger entschlossen in unserer Ablehnung gegen das TMT als die Hawaiianer.”

5 thoughts on ““Unsere Berge sind nicht heilig” – kommt das Thirty Meter Telescope doch nach La Palma?

  1. Karl-Heinz van Heek 2019-08-07 / 11:36

    Hallo Jan,
    hoch interessanter Bericht und obwohl ich die Gegebenheiten vor Ort ja nun nicht kenne, kann ich mir aber dennoch die Bedenken der Bewölkerung vorstellen und auch verstehen.
    Da hängt einfach zu viel dran, wäre es nicht besser für alle ASTRONOMEN über ein Projekt auf dem Mond nach zu denken? Im Ansatz zwar viel teurer, schlußentlich aber efektiver und auf Dauer ; Umweltfreundlicher ;-)….
    CS
    Kalle

    • janhattenbach 2019-08-07 / 12:33

      Hallo Kalle,
      ich glaube nicht, dass ein Teleskopprojekt auf dem Mond auf absehbare Zeit realistisch ist. Nicht weil die Menschheit technisch nicht so weit wären, das ist sie. Vor allem, wenn man so ein Projekt international in Angriff nehmen würde. Aber vom geistigen Niveau und intellektuellem Horizont sind gerade unsere derzeitigen “Anführer” nicht ansatzweise so weit. Da ist eher ein Rückschritt in altes nationales Potenzgehabe in Kombination mit Wissenschaftsfeindlichkeit zu beobachten, und ich meine damit beileibe nicht nur Trump. Ich glaube sogar, dass wir im Jahr 2019 nicht einmal eine Internationale Raumstation auf die Beine stellen würden, wenn es sie nicht schon gäbe.
      pessimistische Grüße,
      Jan

  2. Karl-Heinz van Heek 2019-08-07 / 13:25

    Hallo Jan,
    ja das sind ware Worte! Ich habe auch immer mehr das Gefühl das WIR uns zurück Entwickeln…….Scheint nur den Verantwortlichen nicht klar zu sein 😉
    freundschaftliche Grüße aus Germany
    Kalle

  3. Thomas Schiffer 2019-08-08 / 10:20

    Hallo Jan,
    vielen Dank für das Update! Und ich hoffe doch sehr, dass dieses Teleskop seine Heimat auf LP findet.
    Die Auswahl geeigneter Standorte für terrestrisch gebundene Teleskope ist aus der Natur der Sache ja sehr begrenzt. Die Motivation der Umweltschützer, im Besonderen deren Führungsspitze, sollte man bei der eigenen Meinungsfindung auch berücksichtigen.
    Da mir die Lokation auf LP bekannt ist, stellt sich für mich eine andere Frage: Emission und CO2 Bilanz durch Kreuzfahrtschiffe oder versiegelte Flächen für einen neuen Hafen, der nicht in Betrieb gehen wird. u.a….
    Hier könnten Umweltverbände, Politik und Wirtschaft doch in den Dialog gehen. Wir nehmen etwas von der Natur und geben ihr etwas zurück.
    Der Dialog scheitert aber (wie du bereits erwähnt hast) häufig am mangelnden Intellekt.

    Dem Ansatz orbitaler oder lunar gestützter Teleskope kann ich als Alternative nicht folgen.
    Wieviel Teleskope soll man denn nach oben bringen? Wer setzt die Hardware instand oder tauscht mal Detektoren aus. Wie lange muss ein Wissenschaftler (Team) warten, um Beobachtungszeit zu bekommen…?
    Bin gespannt wie es mit dem TMT weiter geht.
    Beste Grüße / Thomas

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